fahne, unter welcher wir am 22. Oktober 1940 Haus und Hof und die Heimat verlassen mußten. Wir waren damals zusammen 70 Juden.
Niemand erkannte mich, als ich schnellen Schrittes nach unserer einstigen Wohnung ging. Ein eigenartiges Gefühl hatte mich erfaßt. Es war alles so traut und lieb, wie es einst gewesen war, und doch war alles ganz anders. Die Hauptstraße unserer kleinen Heimatstadt zeigte nur wenig Spuren des Krieges. Es war alles wie damals, und doch so ganz anders. Ich kam mir wie der wiedergekommene einstige verlorene Sohn vor. Mein Herz schlug, und die Gedanken drängten sich in- und umeinander. Immer mehr näherte ich mich unserer ehemaligen Wohnung. Ich weiß nicht, ob alle Leserinnen und Leser dieses Buches meine Gefühle zu würdigen wissen, die den Menschen erfassen, wenn er jahrelang gewaltsam von der Heimat ferngehalten worden ist und nun ganz plötzlich die Heimat wieder betritt, ohne zu wissen, wer von den lieben Angehörigen und guten Bekannten noch am Leben ist. Fragen über Fragen klangen in mir wieder. Lebt dieser noch? Lebt jener noch? Oder sind alle, die ich einst gekannt habe, Opfer des Naziterrors und der Bestialität geworden?
Ich war etwas ruhiger geworden. Von weitem sah ich unser früheres Wohnhaus, dem Spuren des Krieges anzusehen waren.---
Jetzt stand ich vor dem Haus. Einige Minuten wartete ich, ehe ich die Haustür öffnete. Ich mußte zunächst verschnaufen. Mir war so beklommen. Das Blut drang mir zu Kopfe. Und meine Kniee zitterten. Dann aber faßte ich Mut und betrat das Haus. Schwer atmend stieg ich Stufe um Stufe hinauf. Beim Hinaufgehen entdeckte ich an der Stelle, wo einst unser Briefkasten befestigt war, noch eine kleine Inschrift, die unseren Namen anzeigte und die Schrift meiner Mutter frug. Es wurde mir heiß, als ich dieses sah. Wie ein Stich ging es mir durchs Herz. Ich mußte mich am Treppengeländer festhalten, so sehr erfaßte mich ganz plötzlich die Erkenntnis des schweren Verlustes meiner Mutter. Im Geist stand sie vor mir. Ich sah sie mit erhobenen Armen, wie sie sich zum ersten Male von mir verabschiedete und mir weinend„ Auf Wiedersehen und Gottes Segen" wünschte. Ich sah sie im Lager, wie sie unsere alte liebe Großmutter behütete und beschützte, ich sah sie die Lippen bewegen und mir zurufen:" Rolf, Kopf hoch!"--- Als ob ein Geist die Treppe herab schwebe, so umwehte mich ein leiser Luftzug. Die Luft war frisch und feucht, so schien es mir wenigstens, als sei es Luft von Frankreich oder aus dem kalten Jawischowitz. Und ich sah sie dann ferner, wie sie ohnmächtig zusammengebrochen war, als ich aus Frankreich abtransportiert wurde, die liebe Mutter aber noch zurückbleiben mußte. Als letztes Bild erschien mir aber, als wir uns auf dem Abtransport aus Frankreich befanden und sie mir aus dem Waggon des letzten Transportzuges zurief:" Rolf, hier bin ich, Rolf, hier bin ich!"-
Jetzt war mir, als sei meine Mutter bei mir. Als ob ich eine schwere Last zu tragen hätte, so schritt ich jetzt die weiteren Stufen hinauf. Dann stand ich vor der Tür der Wohnung, in der ich mit meinen Lieben gelebt hatte, und in der ich glückliche Stunden verbrachte. Nach langen Jahren aus der Sklaverei zurück.
Zitternd stand ich vor der Tür, vor der vor viereinhalb Jahren ein Gendarmeriebeamter stand, um uns abzuholen für die Vernichtung. Ich faßte Herz. Ich klopfte an. Und nach einigen Minuten öffnete sich die Tür.
Vor mir stand eine fremde Frau. Sie schaute mich fragend an, sagte aber zunächst nichts. Wortlos stand ich vor ihr. Sie mußte wohl bemerkt haben, daß ich erschüttert sei, daß ich irgend etwas Schweres zu tragen hätte, denn ihre Worte klangen lieb und mild, als sie mich nach meinem Begehren fragte.
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