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Das wahre Gesicht Hitler-Deutschlands : Häftling Nr. 59 000 erzählt von dem Schicksal der 10 000 Juden aus Baden, aus der Pfalz und aus dem Saargebiet in den Höllen von Dachau, Gurs-Drancy, Auschwitz, Jawischowitz, Buchenwald / Rolf Weinstock
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Am 22. August 1941 schloß sie in Gegenwart des französischen Militär­arztes ihre Augen für immer. Sie schloß ihre Augen zu einer Zeit, in der die ganze Welt im Kampfe gegen das verbrecherische Nazisystem stand, für die Freiheit der Menschen und gegen die wahnsinnige Rassenidee. Auch unsere Großmutter war ein Opfer dieser Wahnsinnsidee geworden.

Auf einer kleinen Anhöhe inmitten des Lagers befand sich der Friedhof. Dort wurde unsere liebe Großmutter zur letzten Ruhe gebettet. Dort ruht sie mit vielen anderen Opfern des Nazisystems in geheiligter Erde. Es war ihr nicht vergönnt, in die Heimat zurückzukehren.-- Sie wußte, daß sie sterben mußte.-- Aber, sie wollte nicht allein bleiben.-- Sie hat nicht ge­jammert, da sie starb, nein, sie starb im Frieden,-- aber ihr letzter Blick sprach noch ohne Worte: Nehmt mich mit!" Es gibt auf europäischem Boden viele Stätten, klein sind sie alle nicht, aber groß und größer, wo unzählige Opfer schlafen.-- Opfer!-- Opfer einer Barbarei und einer Metzelei, wie sie-- ach, schweigen wir.

Lassen wir die Toten ruhen!

Mutter und ich trafen uns häufig an diesem Hügel.-- Abends, wenn der Wind über das Lager brauste,-- wenn die Seelen miteinander sprachen. Dann hörten wir das Raunen. Dann ballte sich oftmals meine Rechte. Aber Mutters Ruf: Rolf!" machte mich wieder ruhig.

Die Sonne sank. Alles war still.

Nur das wispernde Raunen blieb.

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Organisation und Ausklang des Jahres 1941

Mutter und ich waren nun allein. Wir hatten uns gelobt, immer zusammen zu halten. Nachdem meine Großmutter tot war und meine Mutter in ihrem Jlot unter vielen, vielen Frauen doch ganz allein war, merkte ich erst, wie sehr meine Mutter durch die täglichen Hilfeleistungen für die alte Frau von der Sorge um mich abgelenkt war. Jetzt aber trat diese Sorge, dieses fäg­liche Herzeleid, ganz besonders in Erscheinung. Ihre Gedanken von früh bis spät bewegten sich um mich. Ich sah es an ihren Augen, die strahlten, wenn ich kam, und ich bemerkte es an ihrem Händezittern, wenn ich mich verabschiedete.

Was muß doch eine Mutter leiden! Und wieviel Sorgen, und Leid be­reiten die Kinder ihren Müttern unbewußt und ungewollt!

Meine Mutter war sehr mager geworden. Ich hatte Angst um sie. Es mußte etwas geschehen. Ich mußte Nahrung herbeischaffen. Und so ging ich denn daran, einen Mann zu finden, der mir als Gegenleistung für meine Rauchwaren Lebensmittel gab. Dieser Mann war bald gefunden. Wir wur­den schnell einig. Er versprach mir, für meine Monatsration Tabak, Kar­toffeln und Hülsenfrüchte zu liefern. In verschiedenen Abständen brachte mir der Mann was ich haben wollte.

Doch ging das nicht so einfach, wie ich es hier gesagt habe.-- Nein,-- nein, ganz und gar nicht. Das Schwierigste war immer, diesen Mann zu treffen, denn er wohnte nicht im Lager. Wir verabredeten uns an be­stimmten Tagen und zu ganz bestimmten Stunden. Die geeignetste Zeit waren immer die Nachtstunden, wenn alles schlief. Wenn ich heute daran zurückdenke, so muß ich sagen, ich habe immer mehr riskiert, als ich je dabei gewinnen konnte.

Aber ich tat es ja für meine Mutter.

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