Tagelang, ganz gleich, ob die Sonne schien oder ob es regnete,-- stand ich am Stacheldrahtzaun unseres Jlots und fragte jeden Vorübergehenden nach dem Verbleib meiner Lieben. Kalt und halb erfroren kehrte ich täglich in unsere kalte Baracke zurück, um mich zum Schlafen auf den Fußboden zu legen, ohne etwas erfahren zu haben. Immer hoffte ich auf den nächsten Tag.
Da, endlich, eines Tages ging ein kleines Mädchen an unserem Stacheldraht vorüber. Sie trug, um gut durch den Schlamm zu kommen, Gummistiefel, die bis an die Knie reichten. Ich fragte sie nach dem Buchstaben ihres Jlots, und als sie mir geantwortet hatte:" L", fragte ich sie weiter nach meinen Angehörigen.
Mit hellen Worten, als freue sie sich mit mir, gab sie zur Antwort:„ Die liegen neben mir in Baracke 22, Jlot" L". Bei uns ist alles überschwemmt. Die Erde ist aufgewühlt. Wir müssen in den Baracken bleiben, weil wir sonst im Schlamm versinken!"
Wenn uns der Stacheldraht nicht getrennt hätte, ich hätte das kleine Mädchen umarmt. Ach,-- ich war so glücklich.-- Wer kann es ermessen, was es heißt, von seinen letzten Angehörigen getrennt zu werden,-- ganz allein zu sein,-- ohne Vater, Mutter, Bruder und Schwester,-- ganz allein? Der Stacheldraht schien mir mit einem Male etwas ganz anderes zu sein!-- Mein Herz war fröhlich und in mir klangen Glocken durcheinander. Ich gab dem kleinen Mädchen einige Aepfel und ein kleines Briefchen mit. Auch die Sorge, daß Mutter und Großmutter in ein anderes, entfernteres Lager gekommen seien, war gebannt.
Aber, wie es immer ist, der Mensch ist nie zufrieden. Kaum war das kleine Mädchen fort, da wurde ich unglücklich darüber, daß ich unser Jlot nicht verlassen durfte. Jetzt fielen mir alle die Worte des kleinen Mädchens wieder ein, daß im Jlot" L" furchtbare Zustände herrschten, daß es sich um ein ehemaliges Strafilot handelte, daß alles kaputt sei und überhaupt keine Wege vorhanden wären. Immer und immer wieder mußte ich an Mutter und Großmutter denken, ach, daran, was mit meiner Großmutter geschehen würde, wenn sie einmal ernstlich erkrankte,-- denn sie war alt,-- sehr alt sogar. Die Sehnsucht quälte mich. Ihr, liebe Leser, wenn Ihr Euch im Leben einmal in gleicher Lage befunden habt, oder wenn Euch die Bomben des Krieges Eure Lieben fortgerissen haben, werdet mich verstehen. Vier Wochen dauerte dieser qualvolle Zustand. Endlich war der Tag gekommen, an dem ich meine Lieben besuchen konnte.
Tagelang hatte ich davon gesprochen, nächtelang hatte ich in bösen Träumen phantasiert. Einmal war ich ganz nahe bei ihnen, und dann wieder rückten sie in weite Fernen. So wechselten meine Träume. Herzkrämpfe plagten mich. Ich hörte meine Lieben schreien, nach mir rufen, es war die Sehnsucht meiner lieben Mutter, die mich quälte. Wieviele Nächte wird sie schlaflos neben Großmutter gewacht und an mich gedacht haben! Sie riefen mich bei Tag und in der Nacht.-- Nun aber war der Tag gekommen.
Hinter einem Wagen herlaufend verließ ich unbemerkt das Jlot. Ich war noch ca. 100 Meter von dem Jlot" L" entfernt, da sah ich schon die Frauen und Mädchen im tiefen Schlamm am Stacheldraht stehen, ja, ich hörte sie die Vorübergehenden schreiend nach ihren Männern und Verwandten fragen. Es war ein Bild des Jammers! Die Klagen über das Verlassensein" und die Zerrissenheit der Familien" waren entsetzlich. Es vergingen noch weiter Wochen, bis jeder Lagerinsasse von seinen Angehörigen Nachricht hatte.
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