Und der Sommer kommt und’mit ihm die ersehnte, hohe Zeit. Gemeinsam erleben sie München , die Stadt der Kunst, wandern durch die breiten, schönen Straßen, besuchen die Theater und Kunstausstellungen, fahren dann mit dem Autobus hinaus in die bayrische Landschaft und wandern mit' ihrem Gepäck hinauf auf die sanften Höhen, lassen sich glücklich auf der Holzbank vor dem weißen Landhaus nieder, schauen über den blinkenden See, auf dem die untergehende Sonne ihre silberne Bahn zieht. Die ätherische Bläue des Himmels weicht dem Violett und Rot und Gold der Sonnenfarben. Beide sind gefangen von dem Farben- spiel, das nur in gebirgiger Landschaft die Sonne den Menschen- kindern zeigt.
Wie im Fluge vergehen die Tage und Wochen, die ausgefüllt sind mit dem Geschenk köstliher Erfüllung, mit Bootsfahrten auf dem See, Bädern in Sonne, Licht und Wasser, mit weinfrohen Abenden im kleinen Caf& am See, Musik, Tanz, mit nächtlichen Wanderungen und Erlebnissen, in denen die Leidenschaften ihren Höhepunkt finden, dem ganzen Nymbus dieser Erholungszeit in neuer, mit unheimlichen Schönheiten gesegneten Landschaft.
Und dann fährt Rolf wieder gen Westen— lebt dem Beruf und der Pflicht und findet nunmehr keine Ruhe, keine Konzen- tration mehr nach dieser köstlichen Zeit.
——_—_— se, ei zn_——--
Es ist Herbst geworden und Herbstreif fällt auf das Gemüt Bergers, als er von Bekannten aus dem bayrischen Dorf Nachricht erhält, daß Ursula sehr häufig mit anderen jungen Männern zusammenlebt, Abende im Caf& verbringt, mit Freunden tanzt, ausgeht, rudert, segelt, reist und Besuche dieser Verehrer in ihrer, von ihr mit.den Kindern allein bewohnten schönen Wohnung empfängt, die er auch aus seinen Mitteln mithilft zu unterhalten.
Er hat keine Ruhe mehr, die Eifersucht und Sorge um seine Ursula nagen in ihm, zerren und zerren an seinen sowieso ange- spannten Nerven. Und seine Nervenkraft schwindet auch durch
- die Anforderungen des Berufs, durch die politischen Zumutungen, die man an ihn, den geraden, ehrlichen Charakter stellt. Und die Art dieser Zumutungen kommt in seinen Briefen zum Aus- druck, die er seiner umsorgten, leidenschaftlich geliebten Ursula auch in folgenden Sätzen zum Ausdruck bringt, die ihm später zum schwersten Verhängnis werden sollten:
RE Ja, jetzt haben wir den verhängnisvollen„Erfolg“, den ich geahnt, und den Ihr— Du, Dein Schwestercren und ihr ärztlicher
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