Vaterlandsliebe
Fragt erst bei dem gewichtigen Wort ‚‚Vaterlandsliebe‘“, was an eurem Land geliebt wird. Trösten die heiligen Güter der Nation die Besitzlosen? Tröstet die„Heilige Heimat-. erde‘ die Landlosen? Doch wer in unseren Fabriken ge- arbeitet, auf unseren Straßen demonstriert, in unserer Sprache gekämpft hat, der wäre kein Mensch, wenn er sein Land nicht liebte.
Selten entstand in unserer Sprache ein. dichterisches Ge- samtbild der Gesellschaft. Große, oft erschreckende, oft für den Fremden unverständliche Einzelleistungen, immer war es, als zerschlüge sich die Sprache selbst an der gesellschaft- lichen Mauer... Bedenkt die erstaunliche Reihe der jungen, nach wenigen übermäßigen Anstrengungen ausge- schiedenen deutschen Schriftsteller. Keine Außenseiter und keine schwächlichen Klügler gehören in diese Reihe, sondern die Besten: Hölderlin , gestorben in Wahnsinn, Georg Büchner , gestorben im Exil, Karoline Günderode, gestorben durch Selbstmord, Kleist durch Selbstmord, Lenz gestorben im Wahnsinn. Das war hier in Frank- reich die Zeit Stendhals und später Balzacs. Diese deut- schen Dichter schrieben Hymnen auf ihr Land, an dessen gesellschaftlicher Mauer sie ihre Stirnen wundrieben. Sie liebten gleichwohl ihr Land. Sie wußten nicht, daß das, was an ihrem Land geliebt wird, ihre unaufhörlichen, ein- samen, von. den Zeitgenossen kaum gehörten Schläge gegen die Mauer waren. Durch diese Schläge sind sie für immer die Repräsentanten ihres Vaterlandes geworden.
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