Druckschrift 
Das Wort der Verfolgten : Anthologie eines Jahrhunderts / herausgegeben von Bruno Kaiser
Entstehung
Seite
186
Einzelbild herunterladen

OSKAR MARIA GRAF| 1935

Keine Nacht vergeht...

Keine Nacht vergeht, daß ich nicht denke an die Brüder, die in Kerkern leiden. Grausig zieht sich jede Stunde in die Länge, nimmer wollen diese Bilder scheiden.

Soll das denn mein ganzes Leben überdauern: Knechtschaft, Schande, Unrecht und Betrug?

Ach, Genossen hinter dicken Mauern,; euch gilt ständig meiner Wehmut schwerer Flug!|

An die Fenster schlägt der öde Regen und die kalte Fremde weht mich an. Immer muß ich schlaflos überlegen,

was mein Herz nicht mehr ertragen kann.

Immer trommeln meine Pulse euer Heldenlied: Dieser hat das Foltern überschwiegen,

jenen schlug man tot, weil er kein Wort verriet. Keiner wollte seinen Henkern unterliegen!

Und je mehr mich dies durchwühlt,

desto mehr verflüchtigt sich die Trauer,

und mir ist, als ob wie ich der Fernste fühlt: Einmal brechen wir selbst durch die dickste Mauer.

186