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Das Wort der Verfolgten : Anthologie eines Jahrhunderts / herausgegeben von Bruno Kaiser
Entstehung
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GEORG WEERTH 1848

Einer meiner schönsten Tage

An die Mutter Paris , ı1. März 1848

Liebe Mama! Schon am Abend desselben Tages, an dem ich Dir das letzte Mal aus Brüssel schrieb, reiste ich aus vielen Gründen nach Paris und vor allen Dingen, um die unmittelbaren Folgen der Revolution zu studieren. Nach einer schweren, oft unterbrochenen Reise kam ich nachts hierher, es war am Mittwoch in den letzten Tagen des Februar. Alle Barrikaden waren noch zu sehen, die Wacht- laternen brannten, und die Nationalgarde befand sich-an allen Straßenkreuzungen. Mit meinem Begleiter ging ich zu einem Posten und fragte nach dem nächsten Hotel. Unter den Nationalgardisten befand sich ein Gastwirt, der sofort mit uns ging und uns bei voller Munition, den Helm auf dem Kopf, den Säbel an der Seite, das Bett bereitete.

Am nächsten Morgen begaben wir uns sofort in das Bureau der ‚‚Reform und derNational, zweier Organe der gegenwärtigen Regierung, und erließen einen Aufruf an die in Paris lebenden Deutschen , in dem wir sie zu einer Demonstration für die Republik aufforderten. Zuerst ver- anstalteten wir ein Treffen im Cafe Mulhouse, und Herwegh, der Dichter, wurde zum Vorsitzenden gewählt, während wir anderen Mitglieder des Komitees wurden. Dann fand im Saal Valentino eine Versammlung von 4000 Menschen statt, und nach einem erbitterten Kampf wurde unsere Adresse an das französische Volk glänzend durchgebracht. Also versammelten sich am Mittwoch alle deutschen Demokraten auf dem Karussellplatz. Es er- schienen 7000 Menschen. Wir bildeten eine Prozession aus Viererreihen. Die schwarzrotgoldene Fahne und die Tri- kolore wehten über uns. So marschierten wir an dem Seine-