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Das Wort der Verfolgten : Anthologie eines Jahrhunderts / herausgegeben von Bruno Kaiser
Entstehung
Seite
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KARL HEINZEN

1846

Flüchtling ohne Paß

Wo gibt es aber einen defensiveren Menschen auf der Welt als einen heimatlosen Flüchtling? Verfolgung hinter sich, Mißtrauen, vor sich, im besten Falle die Gnade der Gastfreundlichkeit über sich- so lebt er in der beständigen Bemühung, bald sich zu retten, bald sich zu legitimieren, bald sich unanstößig zu benehmen. Bald muß er seine Per­son, bald seine Ehre, bald seine Selbständigkeit zu salvieren suchen. Er hat keinen Schutz, denn er ist fremd; er hat keinen Kredit, denn er ist Flüchtling; er hat keine Rechte, denn er ist ein Ausländer. Nicht bestohlen und nicht totge­schlagen zu werden diese negativen Rechte sind fast die einzigen, die er geltend machen kann, und wer wird, um zu dieser Geltendmachung eine Gelegenheit zu erhalten, es auf das Bestehlen und Totschlagen ankommen lassen?

Die größte Bitterkeit im Leben des Flüchtlings ist die, daß er überall von der Gnade abhängt. Werde ich geduldet? Das ist die ewige Frage, die er sich wiederholt, wo er kommt, wo er sich niederläßt, wo er etwas unternehmen, wo er sprechen, wo er handeln will.

Der Mann ist das abhängigste Geschöpf von der Welt, denn er darf kaum den Kopf zum Fenster hinausstecken ohne Paß; zugleich ist er das gefährlichste, denn er wird zu den wilden Tieren gerechnet ohne Paẞ; auch ist er das wertloseste, denn er gilt nichts ohne Paẞ. Ob ich ein Mensch bin, danach fragt niemand, denn ich habe keinen Paẞ; ob ich ein ehrlicher Mann bin, dadurch läßt sich keiner betören, denn ich habe keinen Paẞ; ob ich Gefühl in der Brust, ein Herz im Leibe, Blut in den Adern habe und so gut wie jeder andere Mensch des Teufels werden kann, das kümmert keinen, denn ich habe keinen Paẞ. Mein eigenes Ich ist mir nicht mehr sicher, denn daß ich

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