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Das Wort der Verfolgten : Anthologie eines Jahrhunderts / herausgegeben von Bruno Kaiser
Entstehung
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Die unwandelbare Freundschaft und der ewige Friede zwischen allen Völkern, sind es denn Träume? Nein, der Haß und der Krieg sind Träume, aus denen man einst erwachen wird. Welchen Jammer hat nicht die Liebe des Vaterlandes schon der Menschheit verursacht! Wieviel hat diese lügnerische Tugend nicht an wilder Wut alle aner­kannten Laster übertroffen! Ist der Egoismus eines Landes weniger ein Laster als der eines Menschen? Hört die Ge­rechtigkeit auf, eine Tugend zu sein, sobald man sie gegen ein fremdes Volk ausübt? Eine schöne Ehre, die uns ver­bietet, uns gegen unser Vaterland zu erklären, wenn die Gerechtigkeit ihm nicht zur Seite steht!

Ich halte den Patriotismus, ganz wie Herr Menzel, für etwas Angeborenes, Natürliches und Heiliges. Er ist ein ange­borener Trieb, und darum natürlich, und darum heilig, wie alles, was von der Natur kommt. Aber welches Heilige wurde nicht schon mißbraucht, ja, mehr miẞbraucht als alle gemeinen Dinge, weil eine ehrfurchtsvolle Scheu jede genaue Untersuchung zurückschreckte und den Schändern des Heiligtums freien Spielraum gab?

Die Ehre eines Volkes ist, daß es wisse frei zu sein, ein Bedientenvolk hat keine Ansprüche auf Achtung zu machen.

Und seitdem ist das ganze deutsche Volk von seiner Oberregierung in zwei Klassen abgeteilt worden: in die der Spione und in die der Spionierten. Außer ihnen nicht einer mehr. Sei einer brav oder schlecht, Mensch oder Teufel, das kümmert sie nicht; man ist Polizeihund oder Polizeiwild, Hammer oder Amboẞ.

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