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Tag- und Nachtbücher : 1939 - 1945 / Theodor Haecker ; mit einem Vorwort herausgegeben von Heinrich Wild
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Es ist wohl kein Zweifel möglich, daß eine ge- wisse»bürgerliche« und»kapitalistische« Ordnung als eine spezifische zeitliche Erscheinung zum Un- tergang reif ist und weg soll. Aber die Herren des deutschen Reiches tun nun so, als solle der »Mensch«, wie Gott ihn gemacht hat, weg. Sie haben schon manches getan, um diese Absicht deutlich zu machen. Wenn ihnen das gelingen sollte, dann sind ihre letzten Tage nahe. Aber ich zweifle noch. Es gibt Restaurationen.

Es gibt in der Bibel, und zwar im Alten wie im

Neuen Testament , eine Mitleidlosigkeit, die uns, hätten wir etwas Phantasie, in Erstaunen, ja in Schrecken versetzen müßte, zum mindesten in Nachdenken. Die Menschen, denen dort über- haupt kein»Mitleid« erwiesen wird, sind keine Extra-Bösewichter, sondern einfach, was man so »Menschen« nennt. Härte gegen Gesindel ist jeden- falls nicht unchristlich. Aber ist das nicht auch bloß gegenüber der»Masse« möglich, weil es eine Masse, weil es die Quantität gibt? Ist es denkbar, wenn es nur wenige Menschen gäbe?

Der Weg des Heils kann nicht sein die Zusam- menschweißung einer Masse, sondern eher ihre Zertrümmerung. Es ist beachtenswert, daß auch Hilty, nicht bloß Kierkegaard, mit dem:er doch wahrlich im übrigen nicht verwandt war, an den Massenbekehrungen der Apostel Anstoß ge- nommen hat.

Ih habe die Erfahrung gemacht, daß jeder Mensch, auch der von Hause aus schüchtern oder verschüchtert ist durch Geburt oder durch Er- zichung, im gegebenen Falle viel eher redet, wo

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