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Tag- und Nachtbücher : 1939 - 1945 / Theodor Haecker ; mit einem Vorwort herausgegeben von Heinrich Wild
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lich ohne Beispiel. Mir wenigstens ist keines be­kannt.

Die Suspension, die Aufhebung des Ethischen, des » Allgemeinen«, kann nach der Ansicht Kierke­ gaards , wie ich es verstehe, nur durch einen direk­ten Befehl Gottes an den einzelnen gerechtfertigt werden. So ist es zweifellos im Falle Abrahams . Das ist aber wohl nicht immer so. Im übrigen hängt alles davon ab, was denn unter dem Ethi­schen verstanden werden soll oder unter dem di­rekten Einspruch oder Befehl Gottes. Daß man der Obrigkeit gehorchen soll, gehört, zum Bei­spiel, sicherlich zur natürlichen Ethik. Aber wie schwankend ist das alles, so daß man sich schon genötigt sah, die Obrigkeit, der gehorcht werden muß, auf eine» rechtmäßige«, ja sogar auf eine » gesetzmäßige« einzuschränken und von» gött­lich sanktionierter Ethik« zu sprechen. Das heißt also, es gibt auch eine falsche Obrigkeit und eine falsche Ethik. Brauche ich etwa in beiden Fällen ein außerordentliches göttliches Wirken in mir, um ein Recht zu haben, nicht zu gehorchen? Ich glaube nicht. Befiehlt mir ein rechtmäßiger Vor­gesetzter, unschuldige Frauen und Kinder zu mar­tern und zu töten, oder befiehlt mir ein Tyrann eine an sich rechtmäßige Handlung: brauche ich in beiden Fällen ein außerordentliches Einschrei­ten Gottes in mir, um den Gehorsam zu verwei­gern und damit vor Gott Recht zu haben? Ich glaube nicht. Es ist ein Kampf im Gewissen des Menschen, bei dem es sich um allgemeine Gebote Gottes und den Willen einer falschen, aber augen­blicklich maẞlos mächtigen Obrigkeit der Men­schen handelt.

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