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Tag- und Nachtbücher : 1939 - 1945 / Theodor Haecker ; mit einem Vorwort herausgegeben von Heinrich Wild
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»Leidenschaft« ist zuerst eine Bestimmungdes Fühlens und erst dann des Wollens und des Den- kens. Die Leidenschaften reinigen, das heißt doch zunächst: das Fühlen reinigen. Ist Flaubert selbst etwas schuld daran, daß manche Deutsche Pödu- cation sentimentale sinnlos mit»die sentimentale Erziehung« übersetzen, statt mit»die Erziehung des Fühlens«?

Das klarste, durchsichtigste Verhältnis von Sub- jekt und Objekt, und umgekehrt, wird im Den- ken erreicht. Der Gegenstand des Denkens ist ein Sein oder ein Seiendes, auch wenn es ein Gedan- kensein oder ein Gedankenseiendes ist, in welchem Modus immer. Im Wollen ist das Objekt nicht ein reines substantiviertes Sein, sondern immer ein solches unlösbar mit einem Verbum des Tuns oder Handelns oder Besitzens aufs innigste ver- knüpft. Ich will Brot, das heißt, ich will Brot haben, backen, essen, besitzen. Im Denken kann ih am Gedachten völlig unbeteiligt sein, inso- fern ist Denken das objektivste Tun, das über- haupt einem Menschen möglich ist. Das Wollen ist obsubjektiv; keiner, der etwas will, ist unbeteiligt an dem, was er will; aber dieses ist außer ihm, wenn er es auch ändern will, mit einer Ausnahme: wenn er die Wahrheit will. Wenn er sie wirklich haben will, kann er an ihr nichts ändern wollen, denn sonst erhält er eben nicht die Wahrheit. Er kann also in diesem Falle nur sich ändern wollen. Das ist freilich ein seltener Fall, denn, wer will denn die Wahrheit? Wie ist es nun aber mit dem Fühlen? Unter den dreien ist es zweifellos die subjektivste Weise des Menschen, ein Verhältnis zur Welt zu haben. Ich glaube, so weit dürfen

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