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Tag- und Nachtbücher : 1939 - 1945 / Theodor Haecker ; mit einem Vorwort herausgegeben von Heinrich Wild
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Die» Unbegreiflichkeit ist ein Attribut Gottes, das der Rationalismus überhaupt nicht ins Auge fassen kann, es existiert für ihn sozusagen gar nicht. Aber auch mit allen andern Attributen Gottes kann er sich nicht konsequent und tief be­schäftigen. Er stößt sich bald an den Widerstän­den, die aber nur für den menschlichen Verstand da sind. Er kann es deshalb gar nicht wagen, bis auf den letzten Grund, bis zu den letzten Folge­rungen zu gehen, welche die menschliche ratio zerreißen und untätig machen würden. Es scheint, als ob der Irrationalismus hier besser gestellt wäre, aber es scheint nur so. Er ist aus einem anderen Grunde unzulänglich und ist, wenn er bei sich bleibt und nicht sich selber transzendiert, unedler als der Rationalismus. Er meint, sein » Irrationales stehe überhaupt außerhalb des In­tellekts. Es steht aber nur außerhalb des mensch­lichen Intellekts, jedoch innerhalb des göttlichen Intellekts. Das auf dem Glauben ruhende mensch­liche Denken ist das unerschrockenste und konse­quenteste Denken. Es sagt, daß Gott absolut Einer ist und doch Drei. Es fürchtet sich nicht, zu sagen und zu meinen, daß der Mensch frei ist und verantwortlich für seine Taten, und hin­wiederum zu sagen und zu meinen, daß Gott die Seinen auserwählt. Es sagt dieses nicht wie ein Als- Ob, es sei nur so, als ob es so wäre, son­dern es sagt, es sei so. Es fürchtet sich vor nichts mehr, als nur eine dieser Wahrheiten zu sagen und etwa die andere auszulassen.

Die Attribute Gottes sind zuviele, als daß sie von einem einzigen Heiligen gelebt werden könn­

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