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Tag- und Nachtbücher : 1939 - 1945 / Theodor Haecker ; mit einem Vorwort herausgegeben von Heinrich Wild
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Deutschen haben es sich selber unmöglich gemacht, ihre Geschichte zu schreiben. Seit der Glaubens­spaltung und vollends seit der Apostasie können sie nur Parteigeschichten erzählen, die notwendig verlogen sind. Ich habe immer gesagt, daß Preu­ßen eine provinzielle Sache ist, auch wenn es, wie heute, für eine Weile zum Monstrum sich ent­wickelt hat. Das provinzielle Preußen schreibt seine Geschichte nicht selber.

» Das Bessere ist der Feind des Guten«, das ist ein Satz, der große Leiden birgt und viele schwere Gedanken. Die pointierte, etwas pathetische sprach­liche Fassung des objektiven Sachverhalts, näm­lich daß es zu gleicher Zeit für die freie Wahl des Menschen Gutes und Besseres gibt, kann leicht zu Sinnverschiebungen und Mißverständnissen füh­ren. Das Bessere ist nicht an sich, in der Sphäre des reinen Seins, der» Feind« des Guten[ sie stehen in hierarchischer Ordnung sehr friedlich und ver­träglich nebeneinander], sondern in übertragener, gleichnishafter Sprache, im Willenskampf des Men­schen, der vom» Guten« zum» Besseren« auf­steigen kann. Manche sehen hier das Wesen der Tragik, ja, der» christlichen« Tragik; aber das sind Wort- Miẞverständnisse. Der Jüngling, der Christi Einladung, statt des» Guten« das» Bes­sere<< zu ergreifen, nicht Folge leistete, ist keine » tragische Person. Das Geheimnis liegt tiefer und jenseits aller» Schuld«, die zum Tragischen gehört, in der» Liebe« selber und ihrer Unergründ­lichkeit, in ihren aufsteigenden Opfern, um tiefer sich herabzuneigen. Gott wäre» gut gewesen, auch wenn der ewige Sohn nicht Mensch gewor­den wäre, Gott wäre» gut« gewesen, auch wenn

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