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Tag- und Nachtbücher : 1939 - 1945 / Theodor Haecker ; mit einem Vorwort herausgegeben von Heinrich Wild
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Grundsatz in die Praxis übertragen wird. Sonst ist ein Volk entweder schamlos oder heuchlerisch. Die Verbindung beider war nicht vorhersagbar, aber sie ist gelungen. Innerhalb des Seinen ist der deutsche Herrgott nicht unlogisch. Also zum Bei­spiel nicht in der Ehe- und Sexualmoral, die er seinen Gläubigen auferlegt. Auch sie ist von sei­nen Predigern in öffentlichen und geheimen Er­lassen klar festgelegt, so klar wie das deutsch­herrgöttliche Recht. Das Beste, was man von ihr sagen kann, ist, daß sie eine Erniedrigung des Menschen zum Tier ist, eine Gestütsmoral, Einem geistigen Menschen frißt der Ekel die Seele weg. Nun wird es sich zeigen, ob unter den Deutschen überhaupt noch geistige Menschen sind. Die ka­ tholische Kirche möge sich wohl hüten, daß die Gebärfreudigkeit, die sie in ihrer Ehemoral lehrt, nicht verwechselt werde mit dem viehischen Ge­bärbefehl des deutschen Herrgotts. Denn beides verträgt sich wie Wasser und Feuer.

Es ist durchaus denkbar[ Stoff zu einer Komödie], daß einer, der allein gegen viele ein Unheil richtig vorausgesagt hat, das ihn selber mittrifft, sein eigenes Leiden mit der Freude mischt, daß er recht gehabt hat, daß er es gewußt hat. Es ist merkwürdig, wie ganz allgemein der Mensch recht haben will, ja recht gehabt haben will. Woher kommt das? Setzt es nicht eine Schätzung des Wis­sens, einfach als Wissen, voraus, die sonst unter den Menschen eigentlich nicht zutage tritt?

Die Geschichte der Deutschen wird nicht von ihnen selber geschrieben werden, wie Römer oder Grie­chen ihre eigene Geschichte geschrieben haben. Die

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