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Tag- und Nachtbücher : 1939 - 1945 / Theodor Haecker ; mit einem Vorwort herausgegeben von Heinrich Wild
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die ganz tiefen Farben? Generosite und magna- nimitas! Für das erste haben wir überhaupt kein deutsches Wort, es ist eine spezifisch französische Sache. Für das zweite haben wir ein großartiges Wort: großherzig. Aber die Sache liegt mehr in der deutschen Sehnsucht als in der deutschen Re- alität. Der Deutsche ist nicht genereux, oder sehr selten, sehr selten; dann ist es wie ein Wunder. Darum haben wir nicht die großen Liebespaare- denn generosite ist das Tor zur großen Liebe, und zwar zur natürlichen wie zur übernatür- lichen!- Wir haben sie weder in der Realität noch in der Dichtung. Die einzige Ausnahme kann Goethe sein, aber er ist eher guter Europäer als guter Deutscher. Wir haben nicht die großen Liebenden wie alle andern Völker Europas , die unsere Herzen immer noch schlagen lassen. Wir haben auch nicht die großen Heiligen, wir haben in der deutschen Reformation keine Heiligen wie Thomas More oder Fisher: beide waren»gene- reux«. Die magnanimitas ist eine politische Tu- gend: Augustus ist ihr großer symbolischer Trä- ger, Vergil ihr unvergänglicher Sänger. Ich glaube, daß ein Teil unserer. mittelalterlichen Kaiser an dieser Tugend teilhatte; auch Habsburger haben später sie gekannt. Die mächtigen Preußen und was von ihnen heute kommt, sind alle»kleinlich«, was der Gegensatz des Großherzigen ist. Ver- sailles war deshalb eine Schande Frankreichs , weil es kleinlich war, wofür es in diesem Augenblick büßt, aber wahrscheinlich doch nur eine»Zeitlang«.

Es kann nicht jeder»Gottesgeißel« sein. Auch Attila mußte dazu auserwählt sein. Die mensch-

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