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Tag- und Nachtbücher : 1939 - 1945 / Theodor Haecker ; mit einem Vorwort herausgegeben von Heinrich Wild
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ist es in der Religion? Es gibt keinen deutschen Atheismus, der doch eine Kompromiẞlosigkeit wäre wie in romanischen Ländern. Die Deutschen haben immer noch einen sentimentalen Wald­und Wiesengott, einen lyrischen Brunstgott. Dem­entsprechend gibt es in der deutschen Philosophie keinen ausgesprochenen Materialismus- alles ist nur Nachahmung-, wohl aber seit alten Zeiten eine Philosophie der Mitte, eine>> biologische«, eine Lebensphilosophie. Die Kompromißẞlosigkeit streben im christlichen Leben die Orden an. Es gibt aber keinen großen Orden, der in Deutsch­land gegründet worden wäre, geschweige denn einen der strengen. Ich glaube, es ist etwas ganz anderes, das Anlaß zu dieser zweifellos falschen Behauptung gegeben hat. Es handelt sich in der Hauptsache um ein rauschhaftes Gefühl der Maß­losigkeit, welches das Denken verhindert, das rich­tige Denken auf Grund des natürlichen und über­natürlichen» Maßes«, das uns von der aristotelisch­platonischen Philosophie und im Übernatürlichen von der Kirche gegeben wird. Daher das Fiasko der deutschen Mystik in Ekkehart. Auf einer an­dern Ebene, der der politischen Kämpfe, ist wie­derum der Grund für die Giftigkeit der Kämpfe gar nicht die Reinheit des Wollens, eine als wahr erkannte Idee kompromißlos zu realisieren, son­dern die gefühlsmäßig vernebelte Unfähigkeit, das Recht der andern Seite zu sehen oder zu hören. Es ist sehr oft Dummheit, nichts Höheres.

Fehlen dem Deutschen nicht zwei große, mit­einander verwandte, aber nicht identische Eigen­schaften, und fehlen deshalb seiner Geschichte nicht

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