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Tag- und Nachtbücher : 1939 - 1945 / Theodor Haecker ; mit einem Vorwort herausgegeben von Heinrich Wild
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Natur sein Volk? Es gibt Unzählige, die es mehr lieben als ihre Väter und Mütter, ihre Frauen und Kinder, ihre Brüder und Schwestern, wes­halb diese Liebe zu überhitzen, eine Gefahr und fast ein Verbrechen ist. Wer also soll nicht von Natur wünschen, daß sein Volk in einem Kriege gewinne? Aber: wir Deutsche sind auf der Seite der Apostasie. Das ist die Stellung des Deutschen. Heute ist Pfingsten, aber mein Geist ist traurig, und Schatten der Trübsal lagern sich über ihn. Denn ich muß ja leben, ob der Apostat siegt oder erschlagen wird, und mit ihm- nein, das ist nicht wahr: das deutsche Volk wird geschlagen, aber nicht erschlagen und vernichtet. Dieser Lichtkern ist doch in meinem Geiste: es ist besser, daß ein Volk geschlagen wird und leidet, als daß es als Apostat siegt. Wenn es aber siegte? Dann werde ich nicht vom Glauben lassen. Ich kann immer noch beten: Herr, hilf meinem Un­glauben!

Fast jeder liebt sein Volk, und ich habe nicht die geringste Achtung für den, der darauf stolz ist wie unsere Führer. Aber wie wenige lieben Gott überhaupt, geschweige denn aus ganzem Herzen und von ganzem Gemüte? Das macht es den Ver­führern so leicht, ein Volk in die Sünde der Apo­stasie zu führen; aus dem Satze right or wrong, my country, der immer noch den Unterschied zwischen Gut und Böse anerkennt, den eindeutigen der Apostasie zu machen: was dem Volke nützt, ist recht und gut.

Wenn ein Satiriker sich vorstellt, er müsse seine

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