Druckschrift 
Tag- und Nachtbücher : 1939 - 1945 / Theodor Haecker ; mit einem Vorwort herausgegeben von Heinrich Wild
Entstehung
Seite
72
Einzelbild herunterladen

Gabe gegeben, Stimmen zu erkennen?[ Karl Kraus besaß sie in eminentem Maße.] Und ob sie ge­rade den Historikern gegeben ist? Überschätze sie nicht! In der Gegenwart scheint die Gabe nicht weit verbreitet zu sein. Denn wie hätte sonst das alles geschehen können?

Wohl wahr, doch kann und wird die spezifische Krankheit, die, auf einer Verkehrung der hier­archischen Ordnung beruhend, der Grund für das Auftreten und den Erfolg und das Nicht- Erken­nen dieser Stimmen war- ich sage, diese spezifische Krankheit kann und wird verschwinden[ es kann freilich eine andere an ihre Stelle treten], und dann werden plötzlich alle Menschen[ also auch die Historiker] hören die furchtbare Krankheit. und Verworfenheit der Stimmen, ihre Leere, ihre Besessenheit das ist kein Widerspruch-, die spi­rituale Dummheit und Stummheit in der Maske des Gebrülls. Glaube nur, es ist ein Akt der Vor­sehung, daß es die Schallplatte und die Wachs­platte gibt.

Es gibt ein Mitleid ohne Liebe. Es ist wahrlich nicht viel wert und kann mit Niedrigkeit, Ver­worfenheit gepaart sein. Das» goldne Münchner Herz für ein Hunderl schlägt am lautesten in Megären. Es gibt aber auch Liebe ohne» Mitleid« im üblichen Sinn, mit physischen Leiden. Solche Menschen können für kalt, hart, ja grausam gel­ten, wiewohl sie mit dem spiritualen Elend höch­stes Mitleid haben können. Richtig ist das natür­lich auch nicht. Das Maß ist für den Menschen das Schwerste.

Die Götter der Deutschen schminken sich, rollen

72