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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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burg, in dem wir dieses letzte Weihnachtsfest im Kriege eben jetzt verbrachten, hatte ja durch Bombenangriffe schon man­cherlei schwere Schäden erlitten, aber von einer völligen Zer­störung, wie sie der Ungar von Budapest berichtete, konnte noch gar keine Rede sein. Damals waren ja Dresden , Breslau , Berlin und die meisten der schönen kleinen Städte Süddeutsch­ lands noch fast unversehrt. In meiner Gefängnis- und Zucht­hauseinsamkeit war zu mir dies alles nur in Worten gedrun gen. Obwohl ich selbst in Leipzig am 4. Dezember dreiund­ich hatte vierzig alles durch Bombenangriff verloren hatte bisher davon noch nichts gesehen, und selbst die Worte des Feldwebels, die er prophetisch über unser Schicksal im End­stadium des Luftkrieges ausgesprochen hatte, machten auf mich nicht den Eindruck, den sie eigentlich hätten machen müssen. Erst als ich den Leipziger Hauptbahnhof wiedersah, wurde mir klar, daß das Ende des Krieges alle unsere Vor­stellungen von seinen Zerstörungen weit übertreffen würde!... Am Heiligabend mußten infolge Zuwachs in unserer Trans­portzelle ein paar Strohsäcke hereingetragen werden. Ich stand zufällig in der Tür und beteiligte mich an dieser kleinen Ar­beit in der Hoffnung, an Stelle des sehr dünnen Exemplars, das ich mit dem Feldwebel teilte, ein besser gefülltes zu er­gattern. Wir mußten bis ans Ende eines langen Korridors gehen, wo in einer kleinen Zelle Strohsäcke lagen, die von einer Stenotypistin aus dem Büro ausgegeben wurden. Das Mädchen verbuchte die Strohsäcke, und ein Wachtmeister reichte sie zur Zellentür heraus. Als das Mädchen von seiner Liste aufblickte, erkannte ich es. Auch sie schien mich wieder­zukennen, wußte aber wohl im Augenblicke nicht, wo sie mich getroffen hatte. Sie sagte plötzlich:

,, Du bist doch ein Leipziger?"

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ein

,, Stimmt", antwortete ich, und dabei trat das Bild vor meine der Knastwagen Erinnerung voiture cellulaire Fahrt von der Beethovenstraße nach der Elisenstraße Mädchen geht vor mir die Stufen zum Untersuchungsgefängnis hoch ich höre im Geiste, was sie sagt spricht zu mir was tut man nicht, wenn man verliebt ist!

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Wie

kommen Sie denn hierher nach Magdeburg und in eine der­art gehobene Stellung?"

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