Gegen die Ordnung, die beim Hausvater herrschte, war nichts einzuwenden. Ebensowenig gegen die seiner beiden Kalfaktoren, die Firma Vester und Prätorius. Ich erhielt am näch sten Tage in aller Frühe meinen schäbigen Zivilanzug, neu gebügelt in der Schneiderei, und meine Lederschuhe, die mit Seitenflecken wieder wasserdicht gemacht worden waren. Dazu zwanzig Zigarren, die mir von einem Freunde geschickt, aber nicht ausgehändigt worden waren. Der Hausvater gab sich betont unfreundlich, würzte den Abschied mit ein paar Schikanen, die demütigend wirken sollten, in Wahrheit aber meine Stimmung nicht unwesentlich verbesserten. Dann also ging ich ab in die Entlassungszelle.
Dort wartete bereits auf mich unser Koch, der mit mir am gleichen Tage entlassen wurde...
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Der Koch war ein junger Mensch, den man auf Grund seiner abseitigen Veranlagung entmannt hatte. Dieser operative Eingriff war nicht im Urteil vorgesehen gewesen. Aber ,, man hat so lange auf mich eingeredet, bis ich selber dachte, es wäre das beste so", erzählte er mir auf der Fahrt ,,, und heute weiß ich, daß dies die größte Dummheit meines Lebens gewesen ist. Nun, es ist nun einmal geschehen, da läßt sich nichts mehr dran ändern." Er war jedenfalls auf feuchtes Wetter gestimmt.
,, Ich weiß nicht, was du willst", sagte ich zu ihm, als er sich eine Träne aus dem Auge wischte. ,, Du kommst doch heraus, während ich zur Gestapo wandere."
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,, Heraus? Ja- wenn ich das nur wüßte! Unsereiner kommt doch nicht mehr frei. Eben, weil ich du weißt schon. Wenn das in den Papieren steht- Böttner" das war der Küchenwachtmeister ,, Böttner hat es mir verraten. Erst nach Magdeburg , und dann in ein Lager. Ach, wenn ich doch hierbleiben könnte! Böttner würde mich ja reklamieren. Aber das geht nicht. Niemand darf freiwillig im Zuchthause bleiben. Nicht einmal, wenn er für seine Unterkunft und Verpflegung dieselben Sätze bezahlt wie im Untersuchungsgefängnis."
Abermals füllten sich seine Augen mit Tränen...
Um elf Uhr gab es das letzte Mittagessen: Rübenblätter in Salzwasser. ( Die letzte große Hungerkur kündigte sich be reits an, die in der Zeit von Januar bis April von den dreihundert Insassen des Zuchthauses einhundertsechsundfünfzig
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