Druckschrift 
Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
262
Einzelbild herunterladen

·

,, Mehr ist im Augenblick nicht zu machen. Es ist immerhin gut, daß wir von dieser Liste wissen. Wenn die Gestapo an­kommt, werden wir ja merken, wohin die Reise geht. Even­tuell müssen wir uns dann zum raschen Handeln entschlie­Ben."

B

Die Liste der Gestapo ist vollstreckt worden. Niemand hat die Vollstreckung verhindern können. An der ehrlichen Be­mühung unseres Pfarrers um die Erhaltung des Lebens dieser Gefangenen ist nicht zu zweifeln. Wie sich das alles abgespielt hat, weiß ich nicht. Ich war nicht mehr in Coswig, als sich dieses Drama auf dem alten Friedhofe der Stadt abspielte. Mitten in der Nacht ist eine SS. - Abteilung ins Zuchthaus eingedrungen und hat die auf der Liste Verzeichneten heraus­geholt. Mein Freund Podey war unter ihnen...

-

-

Es widerstrebt mir, weitere Einzelheiten aus meinem Leben in dieser Zeit zu berichten, einfach deshalb, weil alles, was zu berichten wäre, so unsäglich traurig ist. In diesem Hause schwebte und webte ein böser Geist, ein Gespenst, das alles Leben tötet, die Freude mordet, jegliches Gefühl für Eigenwert und Persönlichkeit niedergeifert, den Gefangenen zum Auto­maten eines raffiniert erdachten Systems der Vernichtung alles Menschlichen erniedrigt und die von der Justizver waltung dafür hingestellten Männer, die Aufseher, Wacht­meister, Oberwachtmeister, Hauptwachtmeister, Sekretäre, Ober­sekretäre, Inspektoren bis hinauf zum Leiter des Ganzen, dem Regierungsrat, die dieses System im Namen des deutschen Volkes und einer sittlichen Weltordnung handhabten, waren sich ihrer wahren Funktion nur in Ausnahmefällen bewußt. Sie wendeten es nach den ihnen erteilten Vorschriften, mehr noch traditional und von nie abreißender Erfahrung her an, wie der Maler den Pinsel, der Schlosser Hammer und Zange. Das Entwürdigende ihres Tuns blieb ihnen innerlich fremd. Ich habe mich oft gefragt: Ist es denn wirklich richtig, diese Men­schen für ihre Verbrechen gegen die Würde des Menschen zum Tode zu verurteilen? Wenn ich in solcher Stimmung zu Mimra sprach, dann lächelte er wohl schmerzlich, und dann sagte er ohne alles Pathos: ,, Weg! Weg mit diesem Ungeziefer! Ob Hitler oder der Wachtmeister Irgendwer, ob

262