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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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Vierzehn Tage später war der Pfarrer wieder bei mir in der Bibliothek.

,, Ich habe versucht, den Direktor ein bißchen auszu horchen", so begann er. ,, Es liegt eine Liste bei ihm. Politisch Belastete, die keinesfalls in die Hände des Feindes fallen dür fen. Was das heißt, das weiß man ja. Ihr Name ist nicht auf der Liste. Es sind sechs Namen, meist Ausländer. Die Liste kommt vom Reichssicherheitsamt in Berlin , und sie soll von der SS. vollstreckt werden, wenn es an der Zeit ist."

,, Ihre Aufgabe ist es also, Witte, dem Direktor, klarzu­machen, daß er als Beamter der Justizverwaltung unter gar keinen Umständen die Vollstreckung dieser Liste zulassen darf! Daß er sich einfach weigern muß, die Gefangenen heraus­zugeben! Ja, das ist Ihre Aufgabe! Sie müssen das unter allen Umständen erreichen oder aber Sie machen sich mitschul­dig am Tode dieser Menschen!"

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Der Pfarrer stand bleich vor mir. Ich fühlte, wie sich ein innerer Widerstand in ihm aufbäumte gegen die Sprache, die hier ein Gefangener ihm gegenüber führte.

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nicht

,, Mitschuldig?" fragte er. Ich stehe völlig außerhalb des Betriebes dieses Hauses, bin lediglich dienstverpflichtet einmal das mehr. Eigentlich habe ich hier gar nichts mehr zu suchen. Man hat mir den Stuhl vor die Türe gesetzt. Verant­wortlich. Das ist zu viel verlangt von mir..."

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., Ich spreche zu Ihnen nicht als zu einem Beamten, son­dern als zu meinem Beichtiger, Herr Pfarrer. Das wollen Sie bitte nie vergessen. Wer sonst als Sie soll den Mut haben und wessen Worte mehr Gewicht als die Ihren? Jedenfalls müssen Sie alles daransetzen, dieses Ziel zu erreichen! Können Sie mir die Namen derer verschaffen, die auf dieser Liste stehen?"

Er zögerte.

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,, Das wäre ein grober Vertrauensbruch", sagte er dann. ,, Das möchte ich nicht tun. Es nützt den Betroffenen ja auch gar nichts. Nein will aber ich werde mit Witte sprechen versuchen, ihn dahin zu bringen, daß er im letzten Augen­blicke es wird ja alles darauf ankommen, wie es dann draußen aussieht..."

Ich sprach mit Mimra und Karel van der Wall darüber.

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