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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
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Das Zuchthaus hatte auch einen Pfarrer, der sich für ver­pflichtet hielt, seinen Schäfchen alle vier Wochen einen Pre­digtgottesdienst zu versetzen. Ein gepflegter Vollbart legiti mierte ihn als Fachmann in allen Fragen des apostolischen Glaubens und der Augsburgischen Konfession. Aber dieser Vollbart und noch einiges andere dieser Art war, wie sich im Gebrauch herausstellte, nur Fassade. Er war ein Romantiker, und sein Glaube hatte mit dem Christentum etwa so viel zu tun wie Winnetou mit einem richtigen Indianer. Er war ,, Modernist" im verwegensten Sinne des Wortes, und über­dies gar kein Nazi! Als im Osten die Front immer ge­waltsamer zusammenbrach, hielt er eine machiavellistische Predigt, die mit stürmischen Zustimmungskundgebungen geen­det hätte, wenn so was eben im Knast möglich gewesen wäre. Er wies darin in unmiẞverständlichen Worten auf die wahre Lage hin und schloß mit dem flammenden Aufrufe: Alle Kräfte dem bedrängten Vaterlande! Damit sprach er seinen Hörern aus dem Herzen! Sie alle waren bereit, auf der Stelle freiwillig einzutreten in die Reihen der Kämpfer für Groß­deutschland.( Eine schickliche Gelegenheit zum Frontwechsel würde sich schon ergeben!) Aber die Leitung dieses der moralischen Besserung und vaterländischen Erziehung gewid­meten Hauses war mit derartigen Hoch- und Offenherzig­keiten ganz und gar nicht einverstanden, und so war denn diese Predigt die letzte unseres ,, Divisionspfarrers". Gottes­dienste fanden seither nicht mehr statt.

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Eine Woche später kam der Pfarrer einmal zu mir in die Bibliothek. Er sagte mit salbungsvoller Stimme: ,, Leider wird unser schlichter kleiner Kirchenraum nun auch für den to­talen Einsatz in Anspruch genommen, und ich kann meine Gemeinde nicht mehr um mich sammeln. Aber im Herzen bin ich bei euch, meine Lieben! Haltet treu zum Wort. Der Füh­rer rechnet auch mit euch!" Dazu blinzelte er mich spitz>> bübisch über die. Brille weg an.

Ich muß gestehen: der Mann gefiel mir immer besser, je näher ich ihn kennen lernte. Im Anfang hatte ich ihn für die übliche Kreuzung aus Rudolf Herzog und Pistolenschieẞ­klub Tell gehalten. Nun entpuppte er sich als ein Mann, den man vielleicht sogar einmal politisch aktiv einschalten konnte. Ich sprach mit Mimra darüber und mit Karel van der Wall.

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