Beide waren der Meinung, daß man mit ihm einen Versuch machen solle. Ich übernahm es, bei schicklicher Gelegenheit den Mann zu überprüfen.
Diese Gelegenheit bot sich mir an einem der nächsten Tage, Der‘Pfarrer kam in einer stillen Nachmittagsstunde zu mir, um sich ein Buch von Wilhelm Raabe auszuborgen, und dabei verwickelte ich ihn in ein Gespräch über das Sakrament der Beichte. Er mochte fühlen, wohinaus meine Absicht ging, und er versicherte mir durch Handschlag, daß ein Beichtge» heimnis bei einem evangelischen Pfarrer ebenso sicher aufge» hoben sei wie bei einem katholischen.
„Eine Vorfrage“, so begann ich tastend.„Haben Sie sich Gedanken darüber gemacht, wie das Ende dieses Krieges sich in. diesem Hause auswirken wird?“
Er blickte mich fast erschreckt an.
„Gedanken? Nun ja— wer macht sich darüber nicht Ge= danken. Das Ende wird furchtbar sein, und— gewisse Konse- quenzen werden sich nicht vermeiden lassen, denke ich. Es wird alles davon abhängen, was für Truppen hier einrücken. Wenn Zeit dazu ist, wird man die Insassen der Anstalt vorher wegbringen.““
„Wohin?“
„Das weiß wohl jetzt noch niemand.“
„Ich fürchte, das wird auch niemand wissen, wenn diese Frage brennend wird“, sagte ich ruhig.„Es wird einen Ort, der von fremden Truppen unbesetzt bleibt,- in Deutschland nicht geben.“ H
Der Pfarrer blätterte wie zerstreut in seinem Buche. Dann sagte er:„Sie mögen recht haben. Aber ich glaube nie und nimmer, daß die Anstalt durch ihre Beamten im vollen Bestande an einrückende Truppen übergeben wird. Die Gefahr für gewisse Leute ist zu groß.“
„Eben deshalb spreche ich zu Ihnen— als zu meinem geist- lichen Freund und Berater—— als zu meinem Beichtvater! Ihre Christenpflicht ist es, ein Blutbad zu verhüten. Haben Sie darüber schon einmal nachgedacht?“
Der Pfarrer blickte ängstlich nach der Türe, die offen war. Auf dem benachbarten Korridor schlurfte der Schritt des Meisters und verklang hinter einer zugeklappten Türe.
17° 259


