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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
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tellte bedauernd sein Haupt und sagte: ,, Da is nischt zu ma chen. Der Staat hat doch sonst Jeld jenug für jeden Dreck. Denn kann er ooch mal ne neue Uhr anschaffen. Lange jenug ist die hier ja jegangen, un die Zeit is noch leidlich richtig." Damit stellte er das Schlagwerk ganz ab!

Seither also schlug die Schloßuhr nicht mehr, und die Gefangenen waren ganz ohne Tageszeit. Aber wozu brauch­ten sie auch eine Tageszeit? Ihr Schicksal war zeitlos!

Für einen nachdenklichen Menschen aber hatte diese Ge­schichte noch eine andere Seite. Welch eine Wandlung im Strafvollzug! Es hatte also einmal eine Zeit gegeben, in der ein Gefangener seine Muẞestunden dazu hatte benutzen dür­fen, eine Wasseruhr zu bauen. Heute? Ach du lieber Gott schon der Gedanke daran wäre mit Arrest bestraft worden!

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Unsere Bombengräber, das ist ein besonderes Völkchen. Lustig und sentimental, erregt und gleichgültig, pfeifenrohr­gemütlich und gelegentlich höchst rabiat. Sie wissen, man braucht sie, und selbst im Zuchthause sind die Gesetze von Angebot und Nachfrage noch nicht völlig außer Kraft ge­

setzt...

Gestern sind in Dessau die Bomben gefallen wie Schlosen im Mai. Dabei ist allerhand Kriegswichtiges den Weg alles Fleisches gegangen. Noch in der Nacht ist telefonisch vom Zuchthause ein Bombengräber- Kommando angefordert und so= fort zusammengestellt worden. Der Zudrang zu diesem Kom­mando ist groß. Die Korbmacherei hat sich fast geschlossen gemeldet. Was bedeutet es auch für die armen Kerle, die bei ihren nassen Weiden täglich zehn Stunden im alten Treib­hause des Schlosses hocken, einmal einen ganzen Tag Luft, Licht und Sonne zu haben ganz abgesehen davon, was das Kommando sonst noch einbringt! Erstens: Militärverpfle­gung mit gewaltigem Nachschlag! Zweitens: Zwanzig Zigaret ten, ein halbes Paket Tabak und einen Schuß Schnaps in den Kaffee! Drittens: einen Liebesgabenzuschuß aus der Hand jener verstörten Menschen, die den unheimlichen Bombengast aus ihrem Keller befördert sehen, ehe er sich selbst und ihr Anwesen dazu in Atome aufgelöst hat! Und nicht zuletzt: Keiner sieht in ihnen dabei den verachteten Zuchthäusler! Sie

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