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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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,, Sie wollen gewiß Ihren geliebten Toten noch einmal sehen!"

Die Trauernden weinen leise und nicken bejahend.

In diesem Augenblicke hebt Nötzold den Stiefel und stößt einen Sarg auf. Den Sarg, der in Wahrheit gar keiner ist. Denn man kann sich wohl denken, daß man in einem auf äußerste Sparsamkeit abgestellten Betriebe nicht viel Holz mit in die Grube gibt. Der Sarg ist also eine Atrappe, die jeder­zeit wieder verwendet wird. Der Tote liegt auf einem schmalen Bodenbrett. Jetzt also rollt das Obergestell, das aus fünf dünnen Brettern gefügt ist, polternd zur Seite, und vor den Ange hörigen liegt ein völlig entkleideter Mensch. Denn man glaubt doch nicht etwa, daß in einem so scharf mit Rentabi­lität rechnenden Betriebe ein Mensch, der bisher nur unnötige Kosten verursacht hat, auch nur mit einem Hemde begraben wird, das ohnehin dem Staate gehört?

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Das ist für Nötzold ein Augenblick der Wonne. Er sieht das jähe Erschrecken der Angehörigen beim Anblick der meist schon durch Verwesung entstellten Leiche und feixt. Er feixt gräßlich. Dann sagt er in grobem Tone: ,, So nun heben Sie sich den Deckel gefälligst selber wieder drauf. Dazu bin ich nicht da!"...

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Eines Tages war das Erschrecken auf seiner Seite... Zu­nächst ging alles programmgemäß und nach Wunsch. Auf Nötzolds Frage, ob und so weiter nickten die Frau und die kleine Tochter ergeben, und als der Deckel beiseitegerollt war, schrien sie beide auch erschreckt auf. Bis hierher also ging alles in bester Ordnung. Dann aber ergoß sich ein leiden­schaftlicher Wortschwall in gebrochenem Deutsch über den aufs tiefste betroffenen Hauptwachtmeister, aus dem er ent­nehmen konnte, daß der von ihm soeben liebevoll entblößte Mensch gar nicht der Tote war, der in seine Heimat über­führt werden sollte! Ein anderer war zur Auswahl zufällig nicht da, und es stellte sich eben heraus, daß man am Vortage einen falschen begraben hatte!

Das war immerhin ein Fall, der im Reglement nicht vorges sehen war, und Nötzold kam in Druck. Er rannte aufgeregt ins Lazarett und suchte zu ermitteln, wer den Fehler begangen hatte. Im Totenbuch war alles richtig. Der irrtümlicherweise noch nicht Begrabene hieß Walter Mahrenbach und stammte

16 Berbig: Knast

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