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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
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Hausvaterkalfaktor, der als vierter in unsere Zelle gelegt wurde, eine Anspielung auf seine Entlassung; etwa in dem Sinne: du bist eben rechtlos und kannst machen, was du willst, heraus kommst du doch nicht! Das war nicht gerade geschickt aus­gedrückt, aber doch sicherlich nicht böse gemeint. Vester sitzt als Mörder seines Vaters bereits im zehnten Jahre im Zuchthaus und hat sich damit abgefunden, bis an sein Ende in diesem Hause zu verbleiben. Er ist ein im Grunde gutmütiger Kerl, und seine schreckliche Tat ist mir ebenso ein Rätsel wie ihm selber. Aber die deutsche Sprache ist eben in gewissen see­lischen Lagen nicht immer geeignet, Mißverständnisse auszu­schließen. Schumburg springt mit einem tierischen Schrei auf, ergreift das Brotmesser, das vor ihm liegt, und schleudert es mit aller Kraft seines Großschlächterarmes Vester ins Ge sicht...

Er hat Glück. Das Messer trifft den also Ueberraschten mit dem Griff dicht über dem rechten Auge, gleitet ab und fällt in weitem Schwunge aufs Bett. Ich stelle mich zwischen die beiden und blicke den Wütenden ruhig und wortlos an.

Schumburg begreift plötzlich. Er sinkt auf den Stuhl zurück, schlägt die Arme vor dem Gesicht zusammen und heult auf wie ein Schloßhund. Vester ist darüber noch mehr er schrocken als über den Messerwurf.., Aber Otto", sagt er ,,, hör' bloß auf. Ich hab' das ja gar nicht so gemeint.' nen Raatz haben wir ja sowieso alle. Schrei doch nich so, sonst kommt der Neise, der elende Hund, und will wissen, was hier los is!" Ich bringe bald eine Versöhnung zustande. Schumburg büẞt mit ein paar Zigaretten, die wir anschließend friedlich rauchen. ,, Mal hakts eben aus", sagt er schließlich. ,, Ich weiß nicht, ob ich das noch lange aushalte. Mein Anwalt..." Und dann erzählt er uns die schon zehnmal berichtete Geschichte seines Gnadengesuches zum elften Male. Wir sitzen schweigend und rauchen...

Wenige Tage später wird Schumburg wirklich entlassen. Das Sondergericht hat sich mit einer Restzahlung von sechzig­tausend Mark einverstanden erklärt. Am 5. Dezember 1944 verabschiedet er sich von uns. Dabei sagt er:

,, Jetzt sollt ihr mal sehen, was sich tut! Adolf hat die neue V- Waffe. Die große Offensive geht in den nächsten Tagen los!" Er lächelt glücklich dazu und überlegen. Er weiß, daß ich

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