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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
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Mund an mein Ohr und fügt hinzu: Nu halten Sie bloß die Schnauze! Sie wissen doch, wie es hier zujeht. Der Neise is mit dem Alten im Ruderklub."

Ich beschied mich mit dieser Verwarnung.

*

Manchmal verlieren Gefangene auch die Nerven.

Ein solcher Fall ist Schumburg.

Er ist mit vier Jahren Zuchthaus bestraft, weil er als Groß­schlächter in Magdeburg mit seinen Fleischmarken in Unord­nung geraten ist. Zuletzt fehlt ihm ein ausgewachsener Mast ochse. Er behauptet, unschuldig an der Sache zu sein. Sein Sohn habe ein paar Hotels zu großzügig beliefert, und so sei er eben immer tiefer in das Manko hineingeschlittert, bis es schließlich keinen Ausweg mehr gegeben habe.

Nun flattert seit einem Jahre ein Gnadengesuch zwischen dem Sondergericht in Magdeburg und dem Generalstaatsan walt in Naumburg hin und her. Der Herr Generalstaatsan walt wäre bereit, gegen die abermalige Zahlung einer erheb lichen Geldbuße mit sich reden zu lassen. Er deutet die Summe von sechzigtausend Mark an. Der Mastochse aus Fleischmar­kenpapier hat bisher bereits neunzigtausend an Prozeßkosten und Geldstrafe gefressen. Er wird ein teures Vieh. Aber Schum­burg hat schon zwei und ein halbes Jahr von seinen vier Jahren abgesessen und möchte unbedingt heraus. Er ist poli­tisch zuverlässig bis auf die Markknochen sämtlicher von ihm bisher geschlachteter Mastochsen und vom Endsiege Hitlers fest überzeugt... Nun also hat ihm sein Anwalt fest zugesagt, daß seine Entlassung zu Weihnachten eine nicht mehr zu er schütternde Tatsache sei...

Schumburg zählt die Tage... Aber der November geht hin, und Schumburg sitzt noch immer ohne Hoffnung auf Er­lösung im Zuchthause. Mit verschlossenem Gesicht geht er seiner Arbeit als Kalfaktor nach. Er genießt ja das volle Ver­trauen des Direktors und der Beamten, übt allerhand kleine Rechte aus, besitzt sogar den Zellenhauptschlüssel und kann aus einer Abteilung in die andere gehen unter einem beliebigen Vorwand. Abends in der Zelle erzählt er in ewig gleichem Wortlaut, welche Schritte sein Anwalt unternommen hat. Wir hören schweigend zu. Einmal aber macht Paul Vester, der

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