Niemals kommt dem Politischen der Gedanke, durch seine Umgebung entehrt zu sein. Er erblickt im Kriminellen den Menschen, den Schicksalskameraden, und weckt in ihm die Hoffnung, ja das sichere Wissen um die Tatsache einer baldigen Wendung seines Loses, verleiht ihm die Kraft, leidvolle Stunden zu überwinden. Oft konnte man im Zuchthaus diese Hoffnung fast körperlich spüren. Sie war ein Agens von ganz unvorstellbarer Kraft und hielt jene herrliche Fähigkeit des Geistes aufrecht, selbst unter trostlos erscheinenden äußeren Lebensbedingungen die gelegentliche Komik dieses Daseins festzustellen: den Humor! Freilich, es war mitunter ein etwas galliger Humor, der eine tiefe Schicht der Niedergeschlagenheit durchbrechen mußte, ehe er sich entfalten konnte. Dann aber war er auch ein unübertreffliches Heilmittel gegen alle Lichtlosigkeit des Zuchthauslebens.
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Ich möchte in allen diesen Bildern nach Möglichkeit zurücktreten. Uns allen, auch den regsten Aktivisten unter uns, war vom Schicksal im Zuchthausdrama eine mehr passive Rolle auf den Leib geschrieben wie dies nicht nur im Zuchthause, sondern auch anderweit im Leben zumeist des Schicksals Art ist. Freilich glauben wir Menschen nicht gern an diese Tatsache und versuchen uns hinterdrein einzureden, daß diese oder jene unserer Handlungen den Weg des Schicksals zumindest mitbestimmt habe, daß wir in schwierigen Lagen wie weiland Old Shatterhand den Hasen jederzeit selber geschossen hätIch habe diese erzwungene Passivität leichter ertragen als mancher andere, weil ich von früher Jugend an eine weithin sichtbare Gleichgültigkeit, um nicht zu sagen Verachtung gegenüber jeder Art von Autorität an den Tag gelegt und nur selten die Mindestforderungen erfüllt habe, die man in diesem Punkte an mich glaubte stellen zu müssen. Das ist mir im Zuchthaus zustatten gekommen. Freilich bleibt einem dann oft nichts anderes übrig als die willenlose Ergebung in den Schicksalsplan des lieben Gottes, wie unsere Väter dies nannten; aber eben dies hat etwas ungemein Tröstliches. Wenn man einmal alles über sich hat ergehen lassen müssen, ohne sich dagegen wehren zu können, kommt einem erst deutlich
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