Ein paar Worte muß ich wohl auch über meine Bibliothek sagen. Ihr Grundstock war, schätzungsweise in den neunziger Jahren, von einem recht verständigen Manne zusammenge bracht worden. Sie enthielt eine große Zahl von Gesamtausausgaben von Wieland und Herder über die Klassiker hinweg bis auf Raabe, Fontane und Gerhart Hauptmann . Shakespeare , Balzac , Dostojewski und Strindberg waren in guten Uebersetzungen ziemlich vollständig vorhanden. Auch naturwissenschaftliche und geographische Werke waren gut vertreten, während die Geschichte ziemlich mangelhaft ausgestattet war. Natürlich waren auch die üblichen Zuchthaustraktätchen mit moralisch- lehrhaftem und kirchlich- religiösem Einschlag unvermeidbar gewesen. Etwa um die Jahrhundertwende waren sie in ganzen Stapeln an alle Strafanstalten geliefert worden unter völliger Verkennung der Nachfrage nach dieser Literatur. Auch einige mehr phantastisch als literarisch wertvolle Bücher waren damals mit eingedrungen. So erfreuten sich die Bücher von Hans Dominik im Kreise der Gefangenen derselben Beliebt heit wie etwa die Romane von Ganghofer im Kreise der Anstaltsbeamten und ihrer Frauen. Im übrigen gab es auch Aufseher genug, die in phantastischen Reiseerlebnissen, die sie in ferne Länder versetzten, die Oede ihres Zuchthausdaseins abreagierten. Ein besonderes Kontingent und zugleich den Gegenstand meiner ewigen Sorge bildeten die alten Jahrgänge illustrierter Zeitungen und Sport- Journale, meine, Bilderbücher'. Sie wurden an diejenigen Gefangenen ausgegeben, die der deutschen Sprache nicht mächtig waren, und da diese Gruppe etwa die Hälfte meiner Leser bildete, waren meine, Bilderbücher dauernd zerlesen in des Wortes verwegenster Bedeu tung. Da an einen Ersatz nicht zu denken war, mußte die Buchbinderei dauernd für diese Literatur eingesetzt werden. Alles in allem: Der Blick auf meine Bibliothek war nicht unerfreulich.
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Die kleinen Geschichten, die ich ohne Rücksicht auf die Zeitfolge hier einfüge, sollen zeigen:
Alle politischen Urteile des Nazi- Zeitalters zielten im Grunde darauf ab, den Verurteilten zu entehren und ihn zugleich unter den Druck eines völlig freudlosen Daseins zu setzen. Den
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