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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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wiste!" so brüllte er dann erregt auf, und er konnte das Wort, Lump', das doch seiner ganzen Natur nach auf ein kurzes Leben eingerichtet ist, so volltönend und langhallend in die dumpfen Korridore des Zuchthauses schleudern, daß es klang wie ein Satz des Livius . Der Krieg zerreibt eben die Seelen der Menschen, die ohne den Halt einer Kinderstube durchs Leben irren! Rauchfuß sagte also nichts, krachte den Hauptschlüssel in das Schloß zur dunkelsten Einzelzelle der Abteilung III und entfernte sich mit harten Schritten.

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Das war etwa um 10 Uhr.

Ich saß mit unbehaglichen Gefühlen mehrere Stunden in der verdunkelten Einzelzelle, und das Mittagessen wurde auch vergessen. Wie ich später erfuhr, sind in der Zwischen­zeit noch ein paar andere Gefangene verhört worden. Am Spätnachmittage wurde ich abermals in Wittes Zimmer geführt. Der ältere Gestapomann sagte: ,, Können Sie uns sonst noch einen Hinweis geben, der zur Aufklärung des Verbrechens am Führer geeignet wäre?"

,, Nein."

,, Dann unterschreiben Sie."

Ich las das kurze sachliche Protokoll durch und schrieb meinen Namen darunter. Dann wurde ich zurück in die Bi bliothek geführt, wo mich der neugierige Werkmeister Müller mit Fragen überschüttete, auf die ich, diplomatisch, jede Ant­wort verweigerte.

Diese faschistische Szene hatte ein antifaschistisches Nach­spiel. Ueber dieses Nachspiel zu berichten, gehört freilich nicht mehr in die Schilderung meiner Knastzeit; es spielt viel­mehr in der Zeit, in der ich als Ministerialrat in einer Lan­desverwaltung tätig war. Aber es ist eine Art Satyrspiel, in dem sich ja schon die Alten von ihrer Tragödie zu erholen pflegten, und ich möchte es als Dokument einer seelisch un­ausgeglichenen Zeit doch nicht unterdrücken.

Das Buch, das mit einem Vorwort des Generals Olbricht erschien, schildert nach den Briefen meines Sohnes Erleb nisse beim Vormarsch der deutschen Truppen im Polenfeld­zuge und stellt einen Artisten in den Mittelpunkt der Hand lung, der mit zauberkünstlerischer Findigkeit alle kleinen Schwierigkeiten des Lebens mit Humor meistert. Olbricht hatte

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