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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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Mit Emanuel Mimra wurde ich dadurch bekannt, daß er mir als Hilfsarbeiter aus der Buchbinderei in die Bibliothek geschickt wurde zur Ausbesserung zerlesener Zeitschriften­bände. Mimra war ein Prager Anwalt, der im Zusammen­hang mit dem Heydrichmord in die Hände der Gestapo ge­fallen war. Er berichtete: Verhaftung drei Tage lang unter

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den jämmerlichsten äußeren Umständen eingesperrt der ersten Morgenstunde des vierten Tages aus der Zelle ge­holt und einem Gerichte vorgeführt Anklage: Vorberei tung zum Hochverrat Urteil: acht Jahre Zuchthaus Verhandlungsdauer: zehn Minuten zwanzig Minuten später auf ein Auto verladen und im Achtzigkilometertempo abtrans­portiert. Die Mitverhafteten wurden, wie er später erfuhr, am vierten Tage früh um sechs Uhr erschossen. Er dankte sein Leben dem Gerichtspräsidenten, der ihn, als er Kenntnis vom Erschießungsbefehl erhielt, sofort aus der Zelle holen ließ und die Verhandlung mitten in der Nacht ansetzte, um ihn so der Gestapo zu entziehen und der Justizbehörde zu überantwor ten. ,, Ich werde dies dem Manne nie vergessen", sagte Mimra ruhig. ,, Weiß, was ich ihm schuldig bin! Die SS. hat am nächsten Morgen einen Mann zu meiner Frau geschickt mit der Mitteilung, daß ich eben erschossen worden sei. Ich kenne den Mann, der diese falsche Mitteilung veranlaßt hat. Er wird von einem tschechischen Gerichte zum Tode verurteilt werden, sollte er bis dahin nicht schon auf andere Weise ums Leben gekommen sein. Meine Frau hat zehn Wochen an meinen Tod geglaubt. Dann hat sie von mir aus Coswig eine Nachricht erhalten und ist daraufhin sofort hierher gefah­ren. Wir haben auch ein paar Worte miteinander sprechen können. Sie hat natürlich sofort Verbindung aufgenommen, und es geht mir ja, den Verhältnissen entsprechend, leidlich in diesem Hause..."

Mimra war ein Mann von umfassender sprachlicher Bil­dung. Er beherrschte neben seiner tschechischen Mutter­sprache das Deutsche, Russische , Französische, Englische und Italienische in Wort und Schrift. Wir fanden einander bald und gründeten in diesen Tagen das war Anfang Juni des Jahres 1944, kurz vor dem Attentatsversuch auf Hitler den illegalen Gefangenenausschuß. Es gelang uns beiden, die regelmäßige Sonntagszusammenarbeit sicherzustellen. Wir be­

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