Reihe vorgedruckter, höchst indiskreter Fragen. Man wollte wissen, ob ich in glücklicher Ehe lebe und wie viele Male ich in der Schule sitzengeblieben sei, ob ich Reue über meine Straftat empfinde, und ob ich Einsicht beweise in die Fluchwürdigkeit meines bisherigen Lebenswandels. Ich schwankte, ob ich nach Angabe der notwendigen Personalien überhaupt noch etwas hinzufügen sollte, entschloß mich dann aber doch zu einer freimütigen Sprache. Ich schrieb:
,, Ich wurde im Namen des deutschen Volkes, nicht aber nach deutschem Rechte verurteilt. Ich erkenne die Rechtsgültigkeit dieses Urteils nicht an. Trotz Ehrenrechtsverlustes werde ich mir den Stolz auf meine bisherige Lebensführung auch durch die hemmungslosen Beschimpfungen durch Strafvollzugsbeamte nicht rauben lassen."
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Ich wußte, daß diese Lebensläufe noch am gleichen Tage dem Direktor der Anstalt zur Einsicht vorgelegt wurden. , Witte hat' nen graphologischen Fimmel", so hatte mir Schake, der Transportkalfaktor, in Halle erklärt. ,, Er errät aus der Schrift der Lebensläufe den Charakter. Irgendwas soll ja dran sein an dieser Handschriftendeutung, aber bestimmt nicht viel! Witte schwört jedenfalls darauf." Es war ein Versuch. Natürlich konnte dieser Ehrenmann des Strafvollzugs im Glauben an die Unfehlbarkeit irdischer Gerechtigkeit, sofern sie von Nazirichtern gesprochen wurde, meine Einbuchtung in Dauereinzelhaft anordnen. Nach allem aber, was ich sonst noch in Halle über diesen Mann gehört hatte, war eine solche Reaktion nicht wahrscheinlich. Witte war auf Grund gewisser gesellschaftlicher Talente und dienstlichen Wohlverhaltens aus der Sphäre mittleren Beamtentums in die des Regierungsrates befördert worden. Solche Männer pflegen eine gewisse Verbundenheit mit Bildung und Geist herauszukehren, um den Eindruck der Herkunft aus der Familie der Zwölfender zu verwischen. So ähnlich hatte Schake ihn mir geschildert und so war er auch. Seinen Unterbeamten gegenüber fühlte er sich als Gottvater in eigener Person und war als, Präsident' des Ruderklubs von Coswig der Mittelpunkt der bescheidenen Geistigkeit dieses Landstädtchens. Ge legentlich fuhr er im Dienstauto, zur Jagd'. Dazu war er ich greife abermals vor ein ausgesprochen schwacher Charakter. Der Mangel an Zivilcourage hat ihm den Hals gekostet.
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