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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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schwimmt und sich dem Terror der Bosheit schweigend unter­ordnet. Warum seid ihr alle zusammen nicht rechtzeitig Pg. geworden? Wer heute nicht in den Chor der Kastraten ein­stimmt, wird gnadenlos vernichtet. Wer wollte bestreiten, daß der Charakter ein überanspruchtes Organ ist?"

Noch einen Zug aus der Schachtel dieses Polizeitieres, teurer Medizinmann!" bat der Anwalt aus Leipzig . ,, Das Rau chen, du merkst es wohl, bringt uns in Konnex mit der Welt des Geistes. Martin drückt sich bereits wieder gebildet aus, ein Zeichen dafür, daß seine Laune sich bessert." Kurt zog: die Schachtel aus der Hosentasche; Löwenherz brachte ein selt­sam geformtes Zigarettenspitzchen zum Vorschein und steckte ein Exemplar der, milden Sorte' auf. ,, Drei Züge des Herzens für jeden, die Kippe für den Spender!" schlug der Anwalt vor. ,, Man soll im Knast nicht philosophieren; aber man weiß ja, wie's zugeht! Nächtelang haben wir im Lager unsere unmaẞ­geblichen Meinungen über Gott, Welt und Leben in immer neuen Varianten auf dem Schachbrett des Geistes durchge­spielt, und wenn man an einem trüben Januartage in einer Menschenfalle hockt wie in der da, gibt es schließlich nichts Besseres. Die meisten reden ja dann von Essen. Das ist lang­weilig und dem Zustande der körperlichen Bedrängnis, der wir alle unterworfen sind, überdies nicht zuträglich. Martin macht manchmal ganz grundlos in Pessimismus. Er ist eben noch jung und es mangelt ihm die Erfahrung, das Leben rich­tig zu begreifen. Zugegeben, es ist nicht leicht, aus seinem Dasein ein Gedicht zu machen in dieser verrückten Zeit, und für einen, der im Gestapogewahrsam sitzt, gleich gar nicht. Aber wir leben nun einmal von den Vorurteilen der Men schen, denen das Schicksal die Macht in die Hände gewür felt hat... und die Macht ist in Deutschland in den Händen von Leuten, die nichts Rechtes mit ihr anzufangen wissen. Wer die Macht hat, der streichelt nicht, er gebraucht die Faust. Das ist immer so gewesen, schon vor Sulla , und es wird nach diesem Kriege auch denen klarwerden, die das heute noch nicht glauben wollen. Man wird inzwischen gut daran tun, sich ein wenig darauf einzurichten. Sicherlich werden dann Rechnungen präsentiert, die auf hohe Summen lauten. Natür lich wollen sich die Ochsen, die heute aus der Krippe fressen, möglichst lange ihren nahrhaften Platz im Stalle erhalten, und

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