sie glauben, in der Entehrung der andern das beste Mittel für
ihren Zweck gefunden zu haben.“
Die Zigarette ging von Mund zu Mund. Hier wurde nicht geschwätzt, das fühlte man. Alles, was gesprochen wurde, war zehnmal umgewendet. Ich gestehe, daß ich an dieser Unter haltung, so sprunghaft sie sich auch von einem Gedanken auf den andern hin bewegte, eben die seelische Erfrischung empa fing, die mir in diesem Augenblicke so nottat. Es gibt also doch noch Menschen, die sich durch den allgemeinen Nots stand des Geistes nicht aus ihrer Bahn werfen lassen— selbst nicht in dieser fürchterlichen Umgebung— so dachte ich.—
„Wer fühlt sich noch entehrt durch eine Zuchthausstrafe?" sagte Martin verächtlich.— Der Alte lachte leise.
Ich spreche nicht von dir und deinesgleichen, überhaupt nicht von uns, die wir diese Schule längst hinter uns. haben. Aber Grundgefühl der Bürgerlichkeit ist auch heute noch, daß der Verlust der sogenannten Ehrenrechte den Menschen praks tisch erledigt. Zwar macht man hier und da schon einen ber tonten Unterschied zwischen kriminellen und politischen Ur teilen, aber das ist natürlich der bare Unsinn. Es gibt heute kaum noch die Möglichkeit einer solchen Unterscheidung, und der Strafvollzug arbeitet bewußt darauf hin, sie zu verwischen.“
„Aber diese Waffe ist schon reichlich stumpf“, beharrte Martin, und Cantor aus Lyon nickte dazu betrübt vor sich hin. „Was heißt schon Entehrung“, fügte er leise und entsagungsvoll hinzu.„Unsere Leute haben keine Ehre. Wenigstens keine nordisch-germanische, und an die denkt man wohl ausschließe lich, wenn man diese abgegriffene Wortmünze erneut in Um» lauf setzt— und mit unserer Ehre, der Ehre einer Wisten- horde, die wir nun einmal immer und ewig geblieben sind, kann man gleich gar nichts anfangen.“
„Rede, Richard!“ sagte Martin ermunternd.„Ich sehe dir an, daß du eine längere Darlegung nicht unterdrücken kannst!“
„Ja, wirklich, Martin“, ergriff der Leipziger abermals das Wort,„es drängt mich, etwas Endgültiges dazu zu sagen. Ich bin ja schließlich der Fachmann, nicht wahr? Deshalb gibt man mich ja auch nicht frei, weil ich einmal ein bekannter Verteidiger jener Leute war, die als sogenannte Kommunisten vor dem Strafrichter standen— und vor dem Fallbeil.“
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