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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
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N

Geviertmetern, auf dessen Steinfußboden dicht aneinander ge schichtet etwa zwei Dutzend Menschen liegen mochten. Nur einen schmalen Gang zum Bedürfniskübel hatte man frei- gelassen...

Nu riggt ema e bißchen zesamm, sagte Rettich im Tone eines Zauberkünstlers, der eine besonders schwierige Pro grammnummer vorzuführen im Begriffe ist,da issje noch massenhaft Blatz! Aber die-Nummer erwies sich als zu schwierig. Keiner der Schläfer rührte sich.Na da ähmt nich! resignierte der Hausknecht der Staatsherberge, und er fügte, zu uns gewendet, hinzu:Es sin Franzosen un Bel» licher; ooch e baar Zeschen sin drunder. Die verschdehn ähmt nich richdch deitsch. Macht eich nur selwer Blatz. Immer feste off de Riewe drambeln, das hilft! Dazu schob er einen nach dem andern von uns mit sanfter Gewalt durch die Türe, schlug sie hinter dem letzten zu und schloß rasselnd ab. Zwei Riegel klirrten hinterdrein. Zehn Sekunden später er losch das unterernährte Licht wir standen im Dunkeln...

Es gibt Lebenslagen, aus denen ein vernünftiger Ausweg ganz ausgeschlossen erscheint. Jede Bewegung brachte hier einen Mitmenschen in ernste Gefahr. Also blieb ich stehen, wo ich stand. Plötzlich fühlte ich mich am Mantel gefaßt. Irgends» eine Hand zog mich auf einem vergleichsweise sicheren Wiege in den Hintergrund des Raumes. Ich ertastete mit den Händen eine Bank.;

Kommen Sie, Kamerad. Sie können nicht stehen die ganze Nacht. Hier ist noch ein Plätzchen zum Sitzen für Sie Eine weiche, wohlklingende Stimme sprach diese Worte. Eine Hand faßte meinen Arm und zog mich auf den Sitz nieder.

Wer sind Sie, daß Sie so zart um mein Wohl besorgt sind? fragte ich verwundert.

Ein Priester. Der Bruder Guardian vom Kapuzinerkloster in Prag , auch Religionsprofessor am Gymnasium. Erzählen wir uns ein bißchen was, daß die Nacht vergeht. Ich nicht spreche sehr gut deutsch , aber ich verstehe alles, auch die gehobene Sprache eines Goethe. Ich habe das alles gelesen, und ich glaube, auch verstanden. Nun, darin irren wir wohl manch» mal. Aber ich bemühe mich, Ihre Sprache richtig zu lernen.

Die Franzosen schnatterten erregt durcheinander. Hier und da gab es Zusammenstöße in der Dunkelheit. Zu guter Letzt

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