auf Mitte dreißig schätze, mit einem gutgeprägten Kopf und einer scharfgeschnittenen Leidenslinie um die Augen. Reise ziel Bochum . Er berichtet:
-
-
,, Acht Jahre habe ich im Lager gesessen. Zuletzt drei Jahre in Buchenwald . Kann nicht sagen, daß es mir besonders schlecht ergangen sei. Im Anfang, als noch SS. - Mannschaften da waren, da war es ja wohl manchmal schlimm. Aber das hat man heutzutage fast schon wieder vergessen. Vor einem halben Jahre also wurde ich dort ganz plötzlich entlassen. Plitz- Platz, wie es im Lagerjargon heißt und eine solche Entlassung hat immer was zu bedeuten. Meist nichts Gutes. Ich hatte das Rennen um die Freiheit eigentlich längst aufgegeben, und na türlich traute ich der Sache auch gar nicht... Am Lagertore nahm mich die Gestapo in Empfang. Höflich. Kann nichts anderes sagen. Es sei nur eine Formsache, so versicherte man mir, und in ein paar Tagen na, du kennst ja den Schmus! Kam also von Buchenwald per Schub nach Hamburg . Drei Tage dort im Polizeiknast. Von da abermals auf Schub nach Leitmeritz in Böhmen . Die Reise dauerte sieben Tage und war eine Strapaze. Hier riß mir der Geduldsfaden. Ich lieẞ mich dem Direktor melden und bat um Aufklärung. Der Mann war abermals sehr höflich. Behauptete, nicht zu wissen, weshalb man mich eigentlich noch festhalte, und er wolle sein Möglichstes tun, den Fall aufzuklären. Im übrigen ginge ihn die Sache gar nichts an. Ich befinde mich in Schutzhaft, und das sei eine Angelegenheit der Geheimen Staatspolizei. Man müsse eben Geduld haben in dieser Zeit... Die hatte ich denn auch: ich blieb in Leitmeritz ein halbes Jahr in Einzelhaft. Weder Arbeit noch Papier noch Bleistift! Das war die schlimmste Zeit. Ein Wunder, wenn man dabei die Nerven behält. Ein Aufseher war da, der hat mir ein kleines Schachspiel reingegeben und ein Bündel aus den Zeitungen geschnittener Schachaufgaben. Die hab ich nach und nach alle gelöst, und das hat mir über das Schlimmste weggeholfen... Vorige Woche nun kam einer von der Gestapo und eröffnete mir, daß ich endgültig entlassen würde. In meiner Heimatstadt Bochum . Vielleicht wollen sie mich zum Heeresdienst einziehen? Mir ist schon alles recht... Nie wurde gegen mich eine Anklage erhoben, nie fand eine Verhandlung statt; nie wurde gegen mich ein Urteil ausgesprochen. Bei dir hat man doch wenig
171


