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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
Seite
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stens die Form gewahrt... Ich bin als Sportwart eines Ar­beiterturnvereins kommunistischer Haltung verdächtig. Das ist alles. Hab' mich im Lager immer gut geführt. Im Anfang bin ich natürlich auch, wie alle andern in dieser Zeit, schwer verdroschen worden. Aber ich bin doch bis jetzt mit dem Le­ben davongekommen, wo andere einen sogenannten Herzschlag kriegten und ins Krematorium wanderten. Nun möchte man das Ende doch erleben... Manchmal habe ich die Hoffnung, daß ich meine Frau doch noch mal wiedersehe und meine

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Tochter das heißt, die hab ich überhaupt noch nicht gesehen. Sie wurde erst nach meiner Verhaftung geboren und ist nun acht Jahre alt. Meine Frau hat mir Bildchen von dem Kinde geschickt, aber sie sind mir im Lager nie ausgehän­digt worden. Bei meiner Entlassung war jedenfalls nichts da..."

Ein alter Mann stand zwischen uns beiden auf der Bank, da sonst sechs Menschen in diesem Raume nicht Platz ge­habt hätten. Er preßte sein Gesicht an das vergitterte Fenster und lugte angestrengt durch die Mattglasscheibe, deren Farb­anstrich zum Teil abgekratzt war. Auch er erzählte... Kriegs­wirtschaftsverbrecher. Hat einen aus Frankreich verschobenen Anzugstoff zu einem Ueberpreise verkauft und ist dafür mit vier Jahren Zuchthaus bestraft worden. ,, Wenn alle, die sowas tun, ins Zuchthaus kämen, dann müßte man alle Schulen und Rathäuser vergittern, um sie unterzubringen. Das ist doch eben das Furchtbare an unserer Rechtsprechung: Jeder Richter weiß, daß er auf Grund des Rechts, das er im Namen des Volkes spricht, selber ins Gefängnis oder ins Zuchthaus ge­hört! Oder hat er zum Frühstück nicht etwa schon einmal ein Brot gegessen, dessen Belag vom Lande stammte? Seine Frau bemüht sich nicht einmal um diese Ware: man bringt sie ihr ins Haus. Der Richter gibt sich vielleicht Mühe, daran zu glauben, daß dafür Fleischmarken hingegeben worden sind, obwohl er natürlich ganz genau weiß oder wissen müßte daß ein so großer Fleischanteil auf ihn nicht entfällt... Oder sein alter Freund, der Weinhändler, liefert ihm fünfzig Fla schen Bordeaux, obwohl der Richter ganz genau weiß, daß erst vorige Woche aller beim Großhändler lagernde Rotwein für Lazarette beschlagnahmt worden ist. Sein Freund, der Wein­händler, hat ihm dies sogar gestern erst wortreich erzählt..

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