verbrecher verklagt worden, und der Staatsanwalt hatte gegen ihn und vierzehn Genossen die Todesstrafe beantragt. Zwei aus der Gruppe waren hingerichtet worden, zwölf hatten Zuchthausstrafen zwischen vier und zehn Jahren erhalten— einer war freigesprochen worden. Sowas kam also auch mal vor. Den hatte sich übrigens die Gestapo sofort wieder ger holt und in ein Lager abgeschoben. Ihm ging es von allen Ver- urteilten dieser Gruppe eigentlich zur Zeit am schlechtesten. Er arbeitete bei Roßlau an der Elberegulierung. Kein reines Vergnügen im Januar... Kowalski verließ das Untersuchungs gefängnis mit von allerlei guten Hoffnungen geschwellter Brust. Er war Optimist wie alle Tschechen, und er glaubte fest daran, daß der Josephstag— der 19. März also— der Tag der Freiheit für alle politischen Gefangenen sein werde.
„Und wenn dieser Termin abermals eine Enttäuschung ist?“ fragte ich, und es klang vielleicht ein wenig ungläubig.
„Dann bestimmt am Wenzelstage“, meinte er sorglos.„Was sind schon Tage— in dieser Zeit!“
„Ich bin nicht so bewandert im böhmischen Kalender. Wie- viel gibst du also zu? Tage? Wochen? Monate?“
Kowalski blickte erstaunt von seinem Braunkohl auf. Ihm war offenbar ganz unverständlich, wie jemand nach dem Wen« zelstage fragen konnte.
„Du meinst—ach so——.also auf den 28. September— nas türlich! Das ist ein großer Festtag in Prag und in allen tschechischen Landen mit Apfelstrudel und Zwetschgenknö» deln, und mit gutem mährischen Wein. Eine Art Maschkerad’ und Mummenschanz. Wir wissen schon, was wir unserm Schutzheiligen schuldig sind.“
Das Datum weckte in mir eine historische Erinnerung.
„An einem 28. September, beiläufig dreihundert Jahre vor meiner Geburt, starb Iwan der Schreckliche . Er starb übrigens eines natürlichen Todes und wurde von den Russen ehrlich be- weint. Unbegreiflich ist doch das Herz des Volkes! Auch beim Leichenbrande Sullas klagten die römischen Frauen und opferten ihr Haupthaar auf dem Holzstoß—— die Frauen!“
„Wenn der Mann heute eines’ natürlichen Todes stürbe, der so viel Elend und Herzeleid über mein Vaterland gebracht hat— es gäbe auch in Deutschland genug Frauen, die um ihn weinten“, sagte Kowalski kalt.„Aber die Argumente des
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