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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
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her bemerkt, in diesem Strafprozeß ein überflüssiges Möbel war. An seine Stelle hätte man mit dem gleichen Erfolge den schüchternsten Referendar stellen können. Er teilte mir mit, daß meine Frau, meine Tochter und mein ältester Sohn da seien und die Erlaubnis erwirkt hätten, mich nach der Verhand lung zu sprechen. So gern ich die Meinen wiedersah in diesem Augenblick wäre ich gern allein gewesen!...

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Der Vorsitzende des Strafsenats, ein kaltherziger, beschränk ter Jurist, der Staatsanwalt, der menschliche Züge nicht vermis­sen ließ, zwei abgearbeitete, zumeist teilnahmlos vor sich hin­dösende Beisitzer, das waren die Akteure des Dramas. Die Verhandlung begann mit der üblichen Vernehmung, zur Pers son und zur Sache'. Ich wurde aufgefordert, den Ablauf der Szene im Café Felsche zu rekonstruieren, was ich zunächst mit dem Hinweis darauf ablehnte, daß alles Tatsächliche von mir bereits zu den Akten gegeben sei. Aber der Vorsitzende ber stand auf mündlicher Wiederholung, wie sich herausstellte in der Hoffnung, mich durch Querfragen in Widersprüche zu verwickeln.

Dann marschierten die Zeugen auf: Eine Frau aus dem Hause, die nichts brauchbar Belastendes gegen mich auszu sagen wußte, ein Herr Oberlehrer Theodor Körner, Reichs­redner der Partei, der Spitzel Herbert Fink, der sich als statt licher Feldwebel einen Urlaub aus dem Felde erwirkt hatte, um gegen mich auszusagen, und mein alter Freund Professor Dr. Schubert aus Dresden .

Die Frau aus dem Hause trat sehr verschüchtert auf. Sie war bemüht, alles zu vermeiden, was gegen mich hätte einnehmen können, obwohl ihr Mann ein braver Funktionär der Partei war, der mehrfach gelegentliche Aeußerungen, die ich zu Hause getan hatte, an die Ortsgruppe berichtet hatte. Man hatte sich von ihrem Zeugnis offenbar mehr versprochen und entließẞ sie mit säuerlichem Lächeln aus dem Zeugenstande.

Der Herr Reichsredner trat anmaßend und mit der Geste des in jeder Lebenslage geistig Ueberlegenen auf. Er schilderte mich als einen Mann von mangelnder politischer Einsicht, be­haftet mit der krankhaften Neigung, alles Große zu negieren, was der Führer geschaffen hatte, brachte mein moralisch un­zulängliches Profil in die rechte Beleuchtung und ließ durch­

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