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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
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in einem plötzlichen Abfall der Stimmungskurve wenige Tage nach seiner Verurteilung einen ernstgemeinten Selbstmordver­such gemacht. Man hatte ihn rechtzeitig von dem Stricke ab­geschnitten, den er sich um den Hals gelegt hatte. Nun ging er schweigend und verschlossen seiner Arbeit nach und wartete darauf, nach Waldheim abtransportiert zu werden. Aber er wurde eben nicht nach dem Zuchthaus gebracht, weil der Mei­ster des Elbewerkes ihn von Vierteljahr zu Vierteljahr als ein­zigen Facharbeiter in seiner Schlosserei reklamierte. Als ich im Januar vierundvierzig nach Coswig abging, war er immer

noch da...

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Edmund Grosser war ein Teufel in Menschengestalt. Er hielt sich für einen revolutionären Vorturner, weil er einmal ,, Hitler , dieser Verbrecher", im Suff natürlich, gesagt hatte, und er brüstete sich damit, der intime Freund von Ernst Schneller zu sein, der damals noch lebte. Ich habe Ernst Schneller gut ge­kannt, und ich glaube sagen zu dürfen, daß es zwischen ihm und diesem ewig boshaften, neiderfüllten und selbstsüchtigen kleinen Anstreicher aus dem Gebirge eine geistige Gemein­schaft niemals gegeben hat. Grossers anfänglich unterwürfige Freundlichkeit mir gegenüber er nannte sowas ,, Kamerad schaft" wandelte sich bald in einen tödlichen Haẞ, als er merkte, daß ich gewisse Methoden seiner Lebensführung im Ge­fängnis nicht billigte. Etwa seine Versorgungsfeldzüge in die Küche. Er machte Geschäfte mit bestechlichen Wachtmeistern auf Kosten der Gefangenenversorgung und verschob Material, das ihm zur Herrichtung von Anstaltszellen übergeben worden war, in die Privatwohnungen der Beamten. Gewiß, es ist nicht richtig, den Maßstab bürgerlicher Moral an das Leben eines Gefangenen anzulegen; aber gewisse Grenzen müssen auch im Knast geachtet werden, sonst zerfällt hier das soziologische Ge füge, und die Folgen, die sich daraus ergeben, sind schlechthin, schauderhaft...

Verhandlung.

Dann also kam der große Tag meiner Verhandlung... Früh um halb neun Uhr wurde ich in das Gebäude des Oberlandesgerichts geführt, wo mein Anwalt mich in feier­lichem Schwarz empfing. Der Anwalt, der, dies sei nur neben­

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