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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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vor dem Sondergericht nicht aufzukommen. Auch die fünf Monate der Untersuchungshaft waren ihm nicht angerech net worden, weil er die dem Eide widersprechende Be­hauptung in der Verhandlung aufrechterhalten hatte. Das hat mir der Anwalt so geraten", meinte er. ,, Er sagte: Wenn Sie nachträglich zugeben, die Aeußerung doch in diesem Sinne getan zu haben, kriegen Sie fünf Jahre. Wenn Sie bis zu letzt leugnen, kommen Sie mit zwei Jahren weg." Der Staatsanwalt beantragte anderthalb Jahr. Das Gericht aber, offenbar beleidigt durch das hartnäckige Leugnen des An> geklagten, erkannte auf zwei Jahre und auf Nichtanrech­nung der Untersuchungshaft. Man sieht, die Waage der Ju­stitia hatte ein paar ganz verrückte Pendelbewegungen ge­macht, und eben in dem Augenblicke, in dem sie die Fackel der Erkenntnis hochreckte, war die linke Waagschale an der Stelle gewesen, wo die Richter ihre Erkenntnis ablasen zum offenbaren Schaden des guten Bahnik, der die Anzeige als einen Racheakt hinzustellen beliebt hatte. Nun, im April vierundvierzig lief seine Strafe ab, und er hielt es hier als Kalefaktor ja aus... Die symbolische Justitia auf dem Reichs­gericht hatte eben das eine für sich, daß ihre Waage nicht schwankte. Abermals Symbol: dafür, daß richterliche Erkennt nisse nicht mehr aus dem Ergebnis der Verhandlung hervor gingen, sondern aus den Akten, die das Reichssicherheits­amt in Berlin lieferte...

An die Stelle des nach Bautzen abgegangenen Buchbbinders vom Fach trat Lambro Nantzu aus Athen .

Lambro hat dreißig Jahre lang ein weitberühmtes Pelzge­schäft im Leipziger Brühl geführt neben Eidingon und Wasserstrom einer der bekanntesten Vertreter seines Faches und ein reicher Mann. Er wurde in seiner Villa in Athen verhaftet, die er der deutschen Besatzung zur Verfügung gestellt hatte. Verhaftet? Natürlich ein Mann mit so viel Geld und einem Warenlager, das aus lauter Devisen bestand!

Lambro, ein Greis mit klarer Stirn und dem Zug der Güte und Duldsamkeit um Augen und Mund, ist nicht eigentlich ein Gebildeter, aber doch ein Mensch von so ungemein strah­lender, sich jederzeit selbstdarstellender Intelligenz, wie sie

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