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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
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dem alten Zellenhause und dem Nachbargrundstück, einer alten Schule, eröffnete sich der Durchblick auf die Kuppel des Reichsgerichts, und dieser Blick versöhnte mit vielem, was man in diesem Hause erlebte. Mit ein wenig Phantasie konnte man sich in dem kurzen Augenblicke, in dem man die diesen Blick eröffnenden fünfzehn Meter Weges über­schritt, wohl den Platz vor sein geistiges Auge zaubern, der sich vor dem stattlichen Bau als tote Asphaltbahn breitet, und der an schönen Sommerabenden belebt ist von Rollschuhläu fern und Kunstfahrern auf vorsintflutlichen Hochrädern. Auf der grünen Kuppel aber steht, unbewegt vom närrischen Treiben dieser Welt, die Göttin Justitia , die Rechte mit der Fackel in die zarte Bläue des Himmels reckend, mit der Linken Waage und Gewand haltend: altgriechisch und modern zugleich. Das faltenreiche Gewand wirkt mehr wie von Ger son aus Berlin bezogen, denn aus einer Athener Gewand­schneiderei der Phidiaszeit. Aber eben dieser moderne Zug stimmt irgendwie versöhnlich. Die Rechtsprechung ist nun einmal, volksnah' geworden, so behauptet sie wenigstens von sich, und eine Justitia aus dem grauen Altertum kann man nicht brauchen, wo, blutwarmes nationales Empfinden die Urteile spricht... Dieser Blick auf die Kuppel des deutschen Justizpalastes richtete mich täglich erneut auf. Sobald ich den Hof zur befohlenen Bewegung betrat, weitete sich meine Brust in einem tiefen Atemzuge, den Wanzengestank des Hauses aus den Lungen zu jagen, und wenn mein Blick die Justitia streifte, die stumm und weltabgewandt ihre Fackel ins Him­melsblau reckte, überkam mich ein leises Glücksgefühl. Schließ­lich war diese Figur doch eben ein Symbol, und Symbole haben es in sich. Ihre Waage schwankte. Wenigstens konnte man sich dies einbilden. Und man konnte ja nie wissen, nach welcher Seite... Bahnik, der Kalefaktor, erzählte dazu eine hübsche Geschichte. Er war zu zwei Jahren Gefängnis ver­urteilt worden, weil er als tschechischer Arbeiter zu einem deut­schen Kollegen gesagt haben sollte, die Engländer kämen bestimmt wieder nach Prag . Er behauptete, gemeint zu haben: nach dem Kriege. Er war Hausknecht in einem kleinen Hotel geweseen und hatte von Berufs wegen Interesse für rei­sende Engländer. Aber das hatte man ihm natürlich nicht geglaubt und im übrigen war gegen den Eid des Zeugen

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