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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
Entstehung
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der Wachtmeister mit dem Gummiknüttel an die Zellentür und ruft: ,, Feierabend!" Wieder ist ein Tag vergangen und die Nacht verschläft der Gefangene tief und traumlos... Aber kommen solche glückliche Visionen von dem, was uns Jeremias Gotthelf zu sagen hat? Ach was ich gebraucht hätte, das wäre ein Waggon Courths Mahler gewesen. Aber sowas gab es natürlich in diesem Hause nicht. Hier gab es nur, gute Literatur'! Schmehling, unser Büchereidirektor, verstand unsern vergrämten Oberlehrer ganz und gar. Er streute seine, leichte Literatur aus einer Kartenschachtel wahl los in die Gemüter seiner Kundschaft. Er war eben ein Mann, der alles konnte. Sicherlich hätte er sich jederzeit erboten, die Germania auf dem Siegesdenkmal mit einem einzigen Du= katen zu vergolden, wenn der Oberlehrer dieses Ansinnen an ihn gestellt hätte. Er, funktionierte' eben! Manchmal medi­tierte er ein wenig bei diesem Geschäfte. Er meditierte im entwaffnenden Idiom der Leipziger Ureinwohner. Etwa so: ,, Frieda Gatzgi, von'dr Hassack, Arbeitsverdragsbruch, na dierlich wollde erscht gar geene Biecher, un jetz of emal Garin Gering! Haste Worde! Un draußen schein'de Sonne, un es is grade de richdje Zeit, wo mer sich ins Germaniabad hauen gennde! Anschließend ä gleen Schgad in der Condidde­rei in dr Gochschdraße nee, in dr Geiserwilhelmschdraße. Mär wärd ganz ärre in Gnast! Und hier Gimbel, Schdudenin wer weeß, wasse schdudiert! will Geedes Faust ham! Was had'se denn? Vier Wochen bloẞ? Na, wechen der baar Caffeeschdunden braucht die gar nich erschd ä Leffel ze griejen und will ausgerechnd Geedes Faust! Lange ma'n, Gamf um Rom ' runder. Da gann'se noch was draus lern'!"

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Marda

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die

Ich klebte Streifen auf verfallendes Holzpapier und ver suchte, todkranke Pappbände vermittels Kleister und gestück­tem Kaliko zu heilen...

Das unbezweifelte Plus der, Beethovendiele' aber war der Gefängnishof, der Schauplatz unserer täglich halbstündigen , Bewegung... Da standen einige grünbelaubte Sträucher, und auf den Beeten zwischen den fliesenbelegten, schmalen Wan delwegen, auf denen die Holzpantoffeln der Sträflinge und Untersuchungsgefangenen im ungleichen Marschtritt klapper ten, blühten ein paar bescheidene Sommerblumen. Zwischen

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