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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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hälfte. Am 17. März kam Schneider endlich fort. Für ihn be> deutete die Veränderung eine Erlösung von achtmonatlicher Zellenhaft.

Von hier aus können Sie nur avancieren, gleichviel, wo» hin Sie kommen, sagte der Tütenmeister, der gerade dazu kam, als sich Schneider verabschiedete.Mal was anderes, auf dem Bieber schlafen!

Auf dem Bieber?

Auf dem Bieber! Das ist doch der alte Elbdampfer, der als Wohnschiff umgebaut ist. Rund achthundert Mann liegen drin, zum Buhnenbau. Am Ufer ist eine Barackenstadt für die übri-

gen Lagerinsassen. Vollbesetzte Ballmusik. Aus unserm Knast

sind in den letzten Wochen allein zweihundert Mann dahin abgegangen. Licht, Luft und gutes Essen! Ich gratuliere!

Schneider nahm den Glückwunsch gefaßt entgegen.

Ich sitze die Strafe ja doch nicht ab! sagte er im Hinaus- gehen... 1

Am nächsten Morgen bereits kam der neue dritte Mann in ‚die Zelle. Er hieß Lorenz, hatte eine typische Säufernase und war seines Zeichens Verwaltungsinspektor.

Rundfunkhörer! Parteigenosse!

Ein unerfreulicher Zuwachs! Er jammerte den ganzen Tag um seine verlorene Ehre. Er jammerte sächsisch.Meine Achre willch widderhamm, meine Aehre! wimmerte er vor sich hin. Dazu ballte er beide Fäuste vor der Stirn und vergoß dazu ‚Originaltränen, wie sich Kroll ausdrückte. Er bot einen lächerlichen Anblick.

Was wirst schon kriegen auf den lumpigen Londoner Sen- der, versuchte Kroll ihn zu, trösten.Zwei Jahre Knast, ans schließend ein Jahr Lager, wanns die Bettstellen noch aus» hält. Dann sang er ein sehr unanständiges Lied mit einem wuchtigen Kehrreim. Aber Lorenz verstand den hintergrün> ‚digen Sinn des alten Handwerksburschenliedes nicht; er hörte nur das Obszöne aus ihm heraus und blieb weiterhin uns tröstlich.

Natürlich hatte man ihm bei der Revision seine Tabak» schachtel abgenommen. Kroll war wütend.

Rindsviach! murmelte er grimmig.Miodioriocadivol Poroo! Porco-dio miocadivo! So was lebt doch nich! Dünnefett muß runter zu Paule und den Tabak holen!

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