Gnade vor seinen Augen. ,, So a Erzmist!" sagte er, und damit legte er das Buch beiseite...
Am nächsten Tage wurde Schneider vor Gericht geholt. Mein Anwalt war da und erörterte mit ihm die Möglichkeiten eines Wiederaufnahmeverfahrens. Es war übrigens höchste Zeit dazu. Schneider war bereits beim Arzt zur Untersuchung gewe sen und für, lagerfähig erklärt worden. Er sollte in den näch sten Tagen abgehen. Im Zuchthaus Waldheim war natürlich kein Platz. Leute mit einer längeren Strafe wurden in ein Lager an der Elbe gebracht zum Einsatz bei der Stromregulie rung. So hieß es.
Mein Anwalt hatte keine Erlaubnis erhalten, mit mir zu sprechen. Er ließ mir durch Schneider ausrichten: Es sei ihan leider nicht möglich, mich über Einzelheiten zu informieren. Die Akten seien nach Berlin an den Volksgerichtshof gegangen zur Prüfung der Frage, ob Hochverrat vorliege. Einer meiner Kollegen habe sehr ungünstig über mich ausgesagt, ein gewisser Herr Fritz Theodor Körner, Reichsredner der Partei.
Ich war von dieser Wendung der Dinge zunächst ein wenig betroffen und sprach ein paar Worte zu unserm guten Tütenmeister darüber. ,, Machen Sie sich keine besonderen Sorgen", sagte der sehr ruhig. ,, Sie schieben jetzt von drüben alles möglichst weit weg, was nach Politik schmeckt. Mögen die andern sich die Pfoten damit verbrennen, so denken sie. Zeit gewonnen, alles gewonnen! Die Berliner schieben dann die Akten wieder nach Leipzig , oder auch ans Oberlandesgericht nach Dresden . Wenigstens meistens. Der Gefangene sitzt ja auch in Nummer sicher, und wer weiß, wie man solch eine Sache nach Ablauf von zehn Wochen anzusehen gezwungen ist!"
Es stellte sich bald heraus, daß auch die Postkontrolle über das Volksgericht in Berlin ging, so daß ein Brief meiner Frau genau vier Wochen brauchte, ehe er mir ausgehändigt wurde. Auch die Besuche meiner Frau mußten von Berlin genehmigt werden, das heißt: sie hörten einfach auf; denn ein Gesuch um Besuchserlaubnis wurde offenbar gar nicht beant
wortet.
So verging Woche für Woche, ohne daß ich etwas über den Fortgang meiner Sache hörte: der Februar und die erste März
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