,, Und ihr beide", schreit Dünnefett in plötzlich sich erneuernder Wut, ihr konntet das nicht verhindern? Das sind schöne Zellenkameraden!"
Schneider versucht sich zu rechtfertigen. Ich schweige. Was soll man in so einer Lage auch zu einem Menschen sagen, der Dünnefett heißt...
*
In diesen Tagen schrieb ich an meine Frau:
Liebe Lotte!
Ich muß wieder einmal eine kurze Stunde mit Dir ver plaudern, obwohl ich weiß, daß ich diesen Brief an Dich nicht werde absenden können. Ueber meinen Fall darf ich ja nichts schreiben. Aber Gedanken am Rande dieses Falles werden nicht verwehrt sein, sofern sie die Schwelle dieses Hauses nicht überschreiten.
Ein Träger der Ehrennadel der Hitlerjugend beschuldigt mich, defaitistische Aeußerungen getan zu haben. Er hat unter Eid vor einem Kriegsgericht ausgesagt, und er wird bereit sein, diese Aussage in der Verhandlung zu wiederholen.
-
-
Aber das ist meine geringste Sorge. Viel mehr Sorge macht mir zur Zeit die geistige Lage unseres Volkes, wie sie sich in der Presse widerspiegelt. Täglich lese ich die Zeitung und erfahre aus ihr nichts. Und doch wieder viel zu viel! Gestern las ich die Schilderung eines Kriegsberichters über Rückzugskämpfe im Osten. Durchbruch durch den Einschlie Bungsring! war der Artikel überschrieben. Ich zitiere: ,, Der kleine Bunker vor der hohen Ziegelmauer bebt unter den pausenlosen Schlägen der sowjetischen Artillerie. , Wie stark sind unsere Reserven?' fragt der General. , Ein Unteroffizier und zwölf Mann!'
, Das genügt! Geben Sie Befehl zum Gegenstoß!'
Seit Tagen geht das so. Die Sowjets hämmern mit allen Kalibern ihrer an Zahl überlegenen Artillerie auf die dünnen Linien der Grenadiere und überschütten sie mit dem Eisenhagel ihrer Salvengeschütze. Jetzt tauchen Panzer im Rücken der Grenadiere auf. Die Stellung ist nicht mehr zu halten.
Die Grenadiere marschieren in einem Hagel von Eisen zurück. Sie marschieren und kämpfen, mitten unter ihnen ihr General! Von der Höhe vor ihnen stürmen die Sowjets her
111


