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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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doch: überall stieß ich in seinen Worten auf jene durch keinerlei Gründe gestützte Leidenschaftlichkeit des Urteils, die den Politiker von Beruf ausmacht. Wir sprachen über Kunst. Die Meinungen, die er äußerte, waren die eines Schü­lers. Aber das ist ja unerheblich. Auch bedeutende Männer sind nicht verpflichtet, geklärte Ansichten über das Wesen der Kunst oder eines Kunstwerkes zu haben. Nein er das alles sagte, das war das Bemerkenswerte! Was sich seinem Verständnis verschloß, das verfolgte er mit einem Haẞ, der erschrecken mußte. Eben mit dem Haß des Tugendhaften. Verstehen Sie, was ich meine? Und ganz so ist seine Politik: eine Tugendmischung aus Karl May und dem Ring des Nibelungen. Das deutsche Volk wird diesen Haß des Tu­gendhaften bezahlen mit dem Glück und dem Wohlstand dreier Generationen. Das ist's, was ich fürchte!"

Eine halbe Nacht lang unterhielten wir uns von den ver­schiedensten Dingen, und es stellte sich heraus, daß dieser Doktor von Drei- Königs- Gnaden nicht nur ein geradezu ungeheuerlich belesener Mann war, sondern daß er darüber hinaus über ein erstaunliches Urteil verfügte in allen Fragen des Lebens. Von einer fernen Kirchenuhr schlug die dritte Morgenstunde, als wir endlich einschliefen...

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Früh um neun Uhr der verstaubte Oberlehrer hatte sich eben nach den Lesewünschen des neuen Bewohners der Zelle erkundigt und dabei höchst unbefriedigende Auskünfte erhal­ten wurde der Doktor plötzlich aus der Zelle geholt. ,, Alles mitnehmen!" sagte Dünnefett mit strengem Gesicht. ,, Ich komme weg?" fragte der Alte schüchtern.

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,, Alles mit! hab' ich gesagt. Das genügt hoffentlich. Zurück zur Gestapo . Die Staatsanwaltschaft will offenbar nichts mit Ihnen zu tun haben. Das sind die Richtigen!" Er knallte die Tür zu.

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,, Mein Gott zurück ins Polizeigefängnis!" murmelte der Doktor mit verstörtem Gesicht. Und ich hatte doch gehofft, daß wenigstens Anklage erhoben werden würde

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"

,, Keine Anklage", suchte ich zu trösten,, das hat auch was für sich. Da werden Sie bald herauskommen."

Der Alte lächelte trübe.

,, Ich weiß ich weiß

nun

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- leben Sie wohl!" Er

nahm seinen kleinen Pappkarton unter den Arm und reichte

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