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Knast : Schatten und Gestalten einer Leidenszeit / von Johannes Berbig
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hafte! Früher oder später zeigt er sein wahres Gesicht, und die Menschen wenden sich erschreckt von ihm ab. Aber der Tugendhafte will ja, das Gute'. Das glaubt man ihm, und deshalb traut man ihm bis zuletzt bis die Verkehrtheit sei­ner Mittel vor aller Augen liegt, bis auch der Blödeste er­kennt, daß

,, Hm

ziehen

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darf man nun aus dieser Ihrer Meinung Schlüsse auf unsere Zeit?"

, Ganz wie Sie wollen. Ich glaube daran, daß diese Wahr­heit zu allen Zeiten gültig ist. Aber ich will den Schluß sel ber ziehen: Hoffen Sie nicht auf ein Ende unserer Leidens­zeit etwa deshalb, weil einmal die, Vernunft' siegen müsse! Wir werden den bittern Kelch leeren bis zur Neige. Hitler kämpft bis zur endgültigen Niederlage, und wenn eine Welt darüber in Scherben fällt, wie es in einer seiner Zweck­poesien so schön heißt!"

,, Und das Volk? Die Armee?"

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,, Ach du meine Güte! Haben Sie eine Ahnung von den Mes thoden, mit denen die sogenannte Kampfmoral aufrecht­erhalten wird wieviele Soldaten schon standrechtlich er­schossen worden sind, weil sie aber nein, darüber wol­len wir gar nicht reden. Ich weiß, was ich sage: der Kampf wird fortgesetzt bis in die Straßen Berlins !"

Ich schwieg, ergriffen von der tiefen Einsicht eines Man nes, der sicherlich alles andere als ein Politiker war. Dann sagte ich:

,, Sie stellen dem Bösewicht den Tugendhaften gegenüber. Ist Hitler nun ein Tugendhafter?"

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,, Darüber wird die Nachwelt urteilen. Ich will Ihnen offen sagen, was ich darüber denke. Ich habe mich nämlich einmal im Jahre dreiundzwanzig ist das gewesen zwei Stunden lang mit ihm unterhalten, und da bekommt man doch, nun, sagen wir mal, einen Eindruck von einem Men schen. Wir trafen zufällig in einer Bahnhofswirtschaft zu­sammen und warteten in frühester Morgenstunde auf einen D- Zug, der erhebliche Verspätung hatte. Ja es war merke würdig, dieses Zusammentreffen. Ich hatte bis dahin kaum den Namen dieses Mannes gehört, und wir kamen ins Gespräch über ein Plakat, das an der Wand hing. Von Politik ist in diesen zwei Stunden kein Wort gesprochen worden; und

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7 Berbig: Knast

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